Online: 24.02.2017 - ePaper: 25.02.2017

Patriarchisches Richtertum

Betrifft: Leserbrief "Wann ist der Mensch ein Mensch?" von Reiner Gutt (EJZ vom 18. Februar)

Mit Bestürzung nahm ich den Leserbrief des Herrn Gutt zur Kenntnis. Einleitend sei meine Zustimmung zum Ausdruck gebracht, dass jedes neue Leben von Grund auf schützenswert ist und das ein (Chef-)Arzt, der die Durchführung einer Abtreibung mit seiner christlichen Ethik nicht vereinbaren kann, frei sein sollte, diesen Eingriff nicht vornehmen zu müssen. Noch weniger aber als ein Chefarzt eine Allgemeingültigkeit für seine Klinik definieren dürfen sollte, darf irgendein Mann für eine schwangere Frau fremdentscheiden.

Ich kann die Argumentationskette des Herrn Gutt nicht nachvollziehen. Worum geht es ihm? Möchte er aus einer patriarchisch verwöhnten Anwandlung heraus definieren, welche Rechte einer Frau zustehen und welche nicht? Es liest sich gar, dass die Frau zwar das Recht hat, den Mann zu beglücken, aber wenn sie dabei das Risiko nicht eingehen mag, ungewollt schwanger zu werden, möge sie sich doch bitte sterilisieren lassen (auch hier liegt offensichtlich die Bringschuld bei der Frau, nicht beim Mann).

Weiter wird gesagt, dass der Abbruch einer Schwangerschaft einen Betrug an den Rentenkassen darstellt, denn wieder fällt ein Beitragszahler für die Rentenkassen weg. Hier wird also die Frau endgültig als Gebär- und Rentenbeitragsmaschine dargestellt. Willkommen im 21. Jahrhundert! Wohl nicht zufällig impliziert der Zitierte ausgerechnet am 80. Geburtstag von Rita Süssmuth die Rückabwicklung der Paragraf-218-StGB-Reform. Es ist völlig inakzeptabel, dass in einer emanzipierten Zeit sich Männer noch immer anmaßen, über Frauen zu richten, die sich, aus welchen Gründen auch immer, für einen Abbruch der Schwangerschaft entscheiden. Keine Frau wird diese Entscheidung leichtfertig treffen.

Die evangelische Kirche in Deutschland hat bereits vor einigen Jahren Stellung bezogen und bejaht grundsätzlich den Schutz des Lebens, erkennt jedoch ebenso, "dass in der Schwangerschaft unvorhersehbar eintretende Konfliktsituationen auftreten können. Die Frauen können dann in eine derart ausweglose Situation geraten, dass sie für sich keinen anderen Weg sehen, als die Schwangerschaft abzubrechen" und weiter: "Faktisch gibt die Entscheidung der Frau den Ausschlag, denn das Leben des ungeborenen Kindes kann nur mit der schwangeren Frau und nicht gegen sie geschützt werden". Auch wenn die evangelische Kirche ein Recht auf Schwangerschaftsabbruch verneint, so gibt sie jedoch die Entscheidungsbefugnis über die Fortsetzung oder den Abbruch einer Schwangerschaft an die Frau. Insoweit bietet die evangelische Kirche auch eine zielorientierte und ergebnisoffene Schwangerschaftskonfliktberatung an.

Der Schutz des Lebens betrifft ungeborenes Leben und auch bestehendes Leben, hier gilt es Entscheidungen zu treffen, die jeder Mensch mit seinem eigenen Gewissen vereinbaren muss. Dem Zitierten wünsche ich dennoch eine angenehme Rentenzeit, auch wenn er vielleicht durch das Wegfallen einer Großstadt an Rentenzahlern nicht ganz sorgenfrei durch den Tag geht.

↔Rainer Behnecke, Gorleben

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