Online: 24.02.2017 - ePaper: 25.02.2017

Um der Erinnerungskultur willen?

Betrifft: "Jeder Bauer suchte sich seinen Zwangsarbeiter aus" (EJZ vom 16. Februar)

Mich hat auch ein Bauer als seinen Zwangsarbeiter ausgesucht, im Mai 1947. Bisher hat sich noch kein Historiker für meine damalige Befindlichkeit interessiert. Auf meiner Gefangenenkleidung stand auch ein P, allerdings erweitert um ein G, obwohl ich gar kein Nazi war. Der Bauer hat mich dann mit prall gefülltem Seesack neun Kilometer ins Lager zurückmarschieren lassen und dort wegen angeblicher Arbeitsverweigerung als Nazi angeschwärzt, obwohl ich doch gar keiner war. Beim Bauern war es auf alle Fälle besser als im Lager bei täglich einem Liter Kohlwasser oder Wasserkohl und 125 Gramm Brot. Das gilt nebenbei auch für die polnischen, russischen, jugoslawischen, französischen und belgischen Zwangsarbeiter im deutschen Gewahrsam: Beim Bauern wurden sie wenigstens satt. Ich habe im Übrigen als 92-Jähriger kein Interesse daran, dass man sich für mein damaliges Schicksal noch interessiert, weil wir damals ohnehin alle gemeinsam unter den Umständen und Verhältnissen litten.

"Der Schnee schmilzt weg. Die Toten lasst nun endlich ruhn. Und weil Ihr noch nicht gestorben seid, darum macht Ihr Euch endlich auf die Socken nun?" Nun erst? Um der Erinnerungskultur willen? - um Mutter Courage das letzte Wort zu lassen.

↔Horst Kühn, Jeetzel

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