Online: 17.03.2017 - ePaper: 18.03.2017

Debatte reflexartig und polarisierend

Betrifft: "Nein zu Abtreibung" (EJZ vom 4. Februar)

Gerade meldet das Statistische Bundesamt hinsichtlich Abtreibungen in Deutschland rückläufige Zahlen und den niedrigsten Stand seit 20 Jahren. Das spricht für die Wirkung von Prävention, Verhütungsaufklärung und liberaler Haltung.

Dies umso mehr als der aktuelle Armutsbericht der Bundesregierung zur Situation von Familien und Alleinerziehenden alles andere als beruhigend ausfällt. Es wäre eine sinnstiftende und gemeinschaftsfördernde Aufgabe, vorrangig die soziale Lage und Zukunftschancen von Kindern und Jugendlichen zu stärken und für soziale Gerechtigkeit zu streiten.

Hingegen wird an der emotionalen und heftigen Debatte zur Frage der Abtreibung deutlich, wie reflexartig und polarisierend immer noch Frauenkörper und Frauenleben an sich zum Schlachtplatz moralischer Ansprüche und quasi-religiöser Fragen genutzt werden können, anstatt sich sozialen und politischen Hintergründen zuzuwenden. Es ist ein Trugschluss zu glauben, mit Verhütung sei heute alles in Butter. All die schönen, bunten - und nicht risikofreien - Pillen und Spiralen für Frauen bedeuten einen nur begrenzten Fortschritt, solange für Männer lediglich Kondome und Vasektomie (Kostenpunkt 600 bis 1000 Euro) bereitgehalten werden. Eine Änderung ist hier nicht in Sicht.

Diese Blockadehaltung ist genauso patriarchalisch wie die Annahme, bei ungewollt Schwangeren handele es sich um wankelmütige Dummchen, denen mit gutem Zureden zu ihrem Glück verholfen werden könne. Zu verhindern, dass Frauen wieder in den Untergrund abtauchen müssen, heißt, einen gesellschaftlichen Spannungsbogen auszuhalten. Verantwortung und Respekt vor dem Leben lassen sich schlecht mit Demütigung und Ausgrenzung herstellen. Für ein Recht auf Abtreibung einzutreten, kann heißen, nicht zuzulassen, dass es wieder tote Frauen gibt als Kollateralschaden einer scheiternden Sozialpolitik.

↔Dr. Elke Schrage,

↔Frauenärztin,

↔Zernien

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