Online: 12.04.2017 - ePaper: 13.04.2017

Mehr Respekt

Betrifft: Zamenhof - weder Russe, noch Pole

In der Meldung über die Benennung eines Platzes in Herzberg nach Ludwig Zamenhof wurde wie so oft die falsche Zuweisung "russisch-polnischer Augenarzt" verwendet. Das ist eine kaum mehr auszurottende Fehlinformation. Zamenhof war in erster Linie Jude und lebte zufällig in einer Region, die damals zu Russland gehörte. Er hat sich nie als Pole verstanden. Sogar das Russische war ihm als Sprache näher, und in dieser Sprache erschien die erste Beschreibung des Esperanto (Unua Libro). Er hat sich für das Jiddische interessiert und versucht, eine Grammatik zu schreiben. Überall in seinem Leben und Werk sind die jüdischen Einflüsse zu erkennen.

Aber seit Jahren wird er von Polen als einer der ihren vereinnahmt, nur weil er in Warschau gelebt hat, wo nach seinem Tod, bedingt durch den Verlauf des Ersten Weltkriegs, und mit ausländischer Hilfe ein polnischer Nationalstaat gegründet wurde. Sicher nicht mit Billigung von Zamenhof, denn jeglicher Nationalismus war ihm verhasst. Er träumte, wie viele seiner Zeitgenossen, von einem friedlichen Zusammenleben aller "Volker und Rassen", wie damals die Sprachregelung war. Insofern ist Zamenhof auch ein Pionier für ein vereintes, multikulturelles Europa. Aber das ist der aktuellen polnischen Regierung ein Dorn im Auge. Sie quälte sich eine Würdigung Zamenhofs zum 100. Todestag ab, und es gelang ihr, alle Hinweise auf seinen jüdischen Hintergrund zu vermeiden. In Deutschland sollten wir respektvoller mit einem explizit jüdischen Intelektuellen umgehen.

Roland Schnell,

Berlin

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