Online: 21.04.2017 - ePaper: 22.04.2017

Liste unbekannter Belastungen

Betrifft: Kommentar "Verlierer- Blues" von Jens Feuerriegel (EJZ vom 15. April)

Für Lehrer und Lehrerinnen, die ihren Beruf liebevoll, kreativ und engagiert ausüben, fehlt mir hier die Wertschätzung. Er selbst, schreibt Herr Feuerriegel, hatte noch richtige Respektspersonen als Lehrer, Vorbilder. Eine endlose Liste von Gegenbeispielen wäre leicht zu liefern. Herr Feuerriegel stellt beherzte "Statistiken" auf: Früher waren die Lehrer weniger krank. Das waren eben noch richtige "Typen". Heute begleiten sie ihre Kinder ins Dschungelcamp.

Dass ein Journalist sich dazu herablässt, aus einem Einzelfall einen allgemeinen Schluss zu ziehen ("Das prägt ein Berufsbild"), entsetzt mich. Ich möchte nicht den Schluss daraus ziehen, dass Journalisten unsauber arbeiten.

Die Lehrer, die mit unserem Kostbarsten, mit unseren Kindern arbeiten, sollen sich also seiner Meinung nach damit abfinden, dass sie nicht immer genug Zeit für Wesentliches finden, weil sie mit Aufgaben überfrachtet werden? Dass die Kita-Erzieherinnen wegen ihrer schlechten Arbeitsbedingungen nicht jammern, woher hat er das? Sind die Kita-Streiks an ihm vorbeigegangen?

Was hat der Beruf eines Lehrers mit Bequemlichkeit zu tun? Gehört Herr Feuerriegel zu den Leuten, die ihrer Nachbarin, die mittags im Gartenstuhl Hefte korrigiert, zurufen: " Na, Sie haben's gut, mittags schon Feierabend!" (Warum überhaupt ist der Rufer schon zu Hause?)

Der Lehrer, der nachts arbeitet, weil er da mehr Ruhe hat, sollte er dann diesen Nachbarn anrufen und fragen, warum der schon schlafen darf? Gehören Sie zu den Ahnungslosen, die einer Lehrerin zu Beginn einer Klassenfahrt (zu einer Woche 24-Stunden-Dienst) einen schönen Urlaub wünschen? Die Liste der unbekannten Belastungen wäre leicht fortzuführen, übrigens für fast jeden Beruf.

Seit 1971 bin ich Lehrerin, und in den letzten sieben Jahren meiner Dienstzeit war ich Schulleiterin, ich arbeite immer noch (sehr engagiert!) als Dozentin in einem Integrationskurs, und von der angeblichen Traumpension einer Lehrerin bin ich meilenweit entfernt: Ich konnte meine Unterrichts- und Erziehungs- Arbeit und meine Tätigkeit als Schulleiterin nur mit reduzierter Stundenzahl schaffen.

Im Interesse unserer Kinder sollten wir miteinander und nicht gegeneinander die Zukunft gestalten. Die allgemeine Verschlechterung von Arbeitsbedingungen sollte uns nach Lösungen suchen lassen und nicht akzeptiert werden.

Astrid Koscholke,

Gartow


^ Seitenanfang