Online: 12.05.2017 - ePaper: 13.05.2017

Keine Heilsarmee

Betrifft: "Gabriels Israel-Besuch endet mit einem Eklat (EJZ vom 26. April)

Mensch, waren das als Kind noch Zeiten, als man bei Geburtstagen und sonst wann fröhlich "Reise nach Jerusalem" spielte. Genauso gut hätt's auch "Reise nach Palästina" heißen können - dem Spaß wär's egal. Heutzutage kommt einem bei Jerusalem und Palästina ganz Anderes in den Sinn. Man weiß nicht, was Sigmar Gabriel in den Sinn kam, als er "Reise nach Israel" nicht spielte, sondern diese wirklich antrat, um mit Netanjahu und Kritikern der Besatzung zu reden. Reden dient der Verständigung. Wer Verständigung sucht, schießt nicht. Netanjahu wollte nicht reden, da Gabriel auch mit besatzungskritischen israelischen Menschenrechtlern wie "Breaking the Silence" und "B'Tselem" (NGOs) redete.

Hätt's eventuell doch ein Gespräch mit Netanjahu gegeben, hätte Gabriel auf diese geschossen? Wer weiß. Jene NGOs werden vom rechtsnationalen Netanjahu als Volksverräter oder Terrorhelfer diffamiert. Die Vergleiche gleichen gleichem Pegida-AfD-Gerede über Angela Merkel. Auch hatte man schon ähnlichen "Ulk" aus der EJZ-Lokal vernommen. Die "KURVE" Wus-trow, die friedenspolitisch arbeitet, würde - so suggerierte es die Elbe-Jeetzel-Zeitung - angeblich Terror gegen Israel unterstützen. Die EJZ hat sich von diesen Fake-News nicht distanziert. Ist das Fleisch zwar willig, der Geist dagegen schwach? Oder flach? Über den Begriff "Lügenpresse" darf man sich dann nicht wundern.

Da lob' ich mir doch Außenminister Sigmar Gabriel, der was tat, was man einen notwendigen Tabubruch nennen kann. Er hat sich nicht Ministerpräsident Netanjahus Ultimatum gebeugt, entweder nur mit ihm oder mit den NGOs zu reden. Bezüglich deutscher Nachkriegsmentalität ist das schon couragiert zu nennen. Muss die "Achse des Bösen" neu bestimmt werden oder handelt es sich doch eher um die "Achse des/der Lächerlichen"? Womit nichts verharmlost werden soll. Denn während Trump behauptet, die ersten 100 Tage seiner Amtszeit seien die erfolgreichsten in der amerikanischen Geschichte gewesen - hört-hört -, meint Erdogan im Egowahn, dass die letzte Wahl in der Türkei die demokratischsten waren, die die Welt je erlebte. Sieh an, sieh an, man lernt nie aus.

Netanjahu toppt das, indem er sich das aparte Treiben Israels' Armee in den besetzten Gebieten mit "Wir haben die moralischste Armee der Welt" als Art Heilsarmee wunschdenkt. Vielleicht scheint zuweilen doch zu viel Sonne auf die Häupter der Häuptlinge? "Breaking the Silence" sind mehr als 1000 israelische Soldaten, die nicht von "moralischster Armee" phantasieren, sondern von ihrem brutalen Alltag in den besetzten Gebieten authentisch berichten. Wer deren gleichnamiges Buch liest, sollte schon mal Kotztüte und Taschentuch bereithalten. Horrorfilme dienen danach der Entspannung. Leider ist aber die Zeit fröhlicher Kinderspiele vorbei.

↔Bodo Arndt,

↔Gühlitz

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