Online: 12.05.2017 - ePaper: 13.05.2017

An Dreistigkeit kaum zu überbieten

Betrifft: Kommentar "Entwurzelt" von Benjamin Piel (EJZ vom 22. April)

Dem Kommentar von Benjamin Piel zu den verschwundenen Obstbäumen in Plate kann ich nur zustimmen. Dass ein kommunalpolitisches Urgestein wie Manfred Liebhaber sich auf solch eine Aktion einlässt, ist an Dreistigkeit kaum zu überbieten. Auch die anschließende Abwicklung kann man nur als Skandal bezeichnen und lässt Rückendeckung von dritter Seite vermuten. Die geschätzten Kosten von "nur" 1500 Euro für die 20 verschwundenen Obstbäume sind jedoch nicht korrekt. Gemäß dem Baumwertermittlungsverfahren nach Koch, welches bereits 1975 vom Bundesverwaltungsgericht als maßgeblich bezeichnet wurde und auch so oder in ähnlicher Weise von den Autoversicherungen zum Beispiel bei Kollisionen mit Straßenbäumen anerkannt ist, sind nicht nur die reinen Material- und Pflanzkosten für die Wertermittlung eines Baumes anzurechnen.

Auch die Kapitalverzinsung, die Anwuchspflege und die Pflege des angewachsenen Gehölzes fließen in die Berechnung ein. Bei einem Obstbaum mit einem Wert von 30 Euro und 50 Euro Pflanzkosten inklusive Pfähle, Wühlmauskorb, Bindematerial nebst Fahrkosten, Umsatzsteuer und Kapitalverzinsung ist der Baum in dem Moment, in dem er dann eingepflanzt ist 108,38 Euro wert. Dazu kommen für drei Jahre Anwuchspflege ebenfalls mit Fahrtkosten, Kapitalverzinsung und Umsatzsteuer 127,46 Euro. Da die Bäume bereits acht Jahre dort gestanden haben, sind auch noch für Pflegekosten in der Herstellungsphase für fünf Jahre 307,18 Euro anzusetzen, ebenfalls inklusive Fahrtkosten, Verzinsung und Steuer. Somit würde der einzelne Baum, wenn keine Vorschäden zu vermelden waren, Herstellungskosten von 543,02 Euro verursachen. Bei 20 Bäumen also 10860,40 Euro reiner Geldwert. Wie gesagt, nach einem anerkannten Bewertungsverfahren ermittelt.

Zwei andere Aspekte fehlen mir jedoch bei der Berichterstattung. Der erste Aspekt wäre das Umweltschadensgesetz, das seit dem 10. Mai 2007 in Kraft ist. Sollten mit dem Entnehmen der Bäume auch Fortpflanzungs- und Aufzuchtstätten von streng geschützten Vogelarten zerstört worden sein, würde das eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft auslösen. Dazu findet sich offensichtlich kein Wort in der Presseerklärung des Landkreises. Ebenso wenig zu dem Umstand, dass die Umwandlung von Dauergrünland in Ackerland eine Genehmigung der Landwirtschaftskammer voraussetzt und gemäß Paragraph 16 Absatz 3 Direktzahlungen-Durchführungsgesetz dazu eine positive fachliche Stellungnahme der Unteren Naturschutzbehörde und der Unteren Wasserbehörde vorliegen muss. Die Frage wäre also auch, ob die Landkreisverwaltung hier aktiv in das Geschehen eingebunden war. Spätestens dann wäre die Kommunalpolitik gefordert, um solche Vetternwirtschaft zu unterbinden.

↔Willy Hardes, Braasche

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