Online: 07.07.2017 - ePaper: 08.07.2017

Schreyahner Flopp nie auszuschließen

Betrifft: Kommentar "Wen interessiert's" von Benjamin Piel (EJZ vom 17. Juni)

"Wen interessiert’s?", fragt Benjamin Piel in seiner Kolumne über den so wenig erfolgreichen Auftritt des Minguet-Quartetts in Schreyahn. Eine mehrdeutige Frage. Aber da nicht davon auszugehen ist, dass Chefredakteur Piel damit seine eigene Kolumne hinterfragt, urteilt der Titel wohl generell über zeitgenössische Musik oder avantgardistische Kunst, die für Herrn Piel dann "fragwürdig" wird, wenn sie kein Millionär, sondern der Steuerzahler bezahlt.

Lassen wir mal den Gedanken beiseite, dass die Steuerzahler Milliarden für Panzer, U-Boote, Fregatten, Munition und Gewehre ausgeben, die Deutschland in Kriegsgebiete exportiert. Die Höhe der Fördermittel für herausfordernd schwierige Musik und Kunst aus Steuermitteln sind dagegen in jedem Fall Peanuts. Aber da Benjamin Piel in seiner Kunstattacke von "verprassten Steuergeldern" spricht, stellt sich die Frage, ob der Gedanke der Landesregierung - aktuelle avantgardistische Kunstprojekte nicht nur in den Metropolen aus Steuermitteln zu fördern, sondern dafür zu sorgen, dass solche Events auch auf dem flachen Land stattfinden können - richtig oder falsch oder gar, wie Benjamin Piel meint, "anstößig" ist.

Gäbe es eine solche staatliche Förderung nicht, die nicht nach der Zahl der Konsumenten fragt oder dem Anspruch des Ereignisses, würde jeder Avantgarde - Benjamin Piel nennt sie "das Abseitige" (vor nicht allzu langer Zeit hieß sie "entartet") - der öffentliche Boden entzogen. Dass mal ein Konzert wie das in Schreyahn floppt (vor allem wegen der Unfähigkeit der Organisatoren, in Schreyahn ein derart hoch dotiertes Konzert entsprechend anzukündigen und zu bewerben), ist nie auszuschließen. Aber der Boykott des Publikums, mit dem an Stelle der Verantwortlichen in Schreyahn die Musiker abgestraft wurden, sollte nicht zu der Behauptung führen, dass musikalische Avantgarde nicht interessiere. Die trifft nicht einmal auf den Landkreis Lüchow-Dannenberg zu.

Denn alle, die sich hier im Landkreis um Kulturevents bemühen und damit um jeden nur denkbaren Förder-Euro, wissen, dass die Zahl der Besucher oder Zuhörer grundsätzlich mit der Schwierigkeit und den Anforderungen eines Programms abnimmt. Wie groß das Interesse an der Musik tatsächlich ist, die das Programm des Minguet-Quartetts bestimmt, lässt sich schnell an den Erfolgen ihrer Aufnahmen, an den internationalen Konzertverpflichtungen der vier Musiker errechnen, die übrigens schon einmal vor Jahren mit großem Erfolg in Hitzacker konzertiert haben.

Allerdings stoßen da auf größeres Interesse, das ist gewiss, schon die Veranstaltungen, die das Werbeblatt der EJZ, "Kiebitz", unter dem Titel "Kulturtipps" in dieser Woche anbietet wie "Ferien im LüBad", "Flohmarkt in Neu Tramm", "Stammtisch der IHG" in Lüchow, "Teplinger Singabend", "Zum Braunkehlchen" Vogelexkursion in Rüterberg. Die erweitern zwar keinen Kulturhorizont, aber sie kosten keine Steuergelder. Und es steht auch nichts Abseitiges zu befürchten.

↔Nicolaus Neumann,

↔Gartow

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