Online: 07.07.2017 - ePaper: 08.07.2017

Voll angefixt

Betrifft: "Anti-Werbung lockt ins Wendland", EJZ vom 23. Mai

Da landet Mensch wieder da, wo er vor langer Zeit die Zelte abgebrochen hatte, um in Schweden sein Glück zu finden. Seitdem fragt Mensch sich täglich, während er sich rhythmisch gegen die Stirn schlägt: "Was hab' ich mir bloß dabei gedacht?" Und dann sieht Mensch einen Bericht über eine von Überalterung bedrohte Gegend, die neue Mitbürger anlocken will. Zugegeben, bis zu dieser Doku hätte Mensch nicht einmal raten können, wo dieser Landstrich liegt. Doch dank Google ist es kein Problem, an Infos zu kommen.

Das da im Film sieht nach Ruhe aus. "Sag mal, hast du keine Angst so ganz alleine in dem großen Haus", hatte die Vermieterin damals gefragt, als Mensch gerade ins gelbe Holzhaus in Schweden eingezogen war. Dabei hatte Mensch noch nie so erholsam geschlafen wie im Wald von Småland. Daran erinnert Mensch sich beim Anblick der Bilder über das Wendland. Traurig denkt er, wie es jetzt ist: mit einem Herzschlag wie Techno schläft er abends ein, aufgepeitscht vom hektischen, lauten Tagestreiben. Das da im Film sieht nach viel Platz aus. Mensch braucht für sich selbst nicht so viel Platz. Aber das Rumgeschubse auf den Gehwegen, vorbei an fahrenden Autos empfindet Mensch wie modernen Nahkampf, und er sehnt sich jeden Tag nach Ruhe und Einsamkeit. Das da im Film ist grün, Natur pur. Hier in der Stadt freut Mensch sich über jeden Löwenzahn, der sich stur durch den Asphalt drückt. Muss paradiesisch sein, denkt sich Mensch und erinnert sich an den Duft von frischen Wiesen und Wäldern, während ein vorbeifahrender Lkw eine dicke Dieselwolke in die Luft bläst, die Mensch zum Husten bringt. Ach Firlefanz, es sind ja doch nur Filme. Vermutlich riecht es da überall nach Mist, und abends wird man von Mücken, groß wie Helikopter, gejagt, während man mit dem Handy durchs Dorf läuft auf der Suche nach einer halbwegs guten Internetverbindung. Und alle schreien sich vermutlich lauter an als hier in der Stadt, weil sie alle schon so schwerhörig sind.

Mensch überlegt, was mitzunehmen wäre: Hund, Katze, Nähmaschine, die große Kiste mit der Wolle. Vielleicht finde ich ein kleines Grundstück mit einem Treibhaus? Oder Platz für eine Tierpension? Ein Haus mit Platz für ein bis drei Gästezimmer wäre toll, schließlich weiß Mensch, wie viele Großstädter Erholung nötig hätten. Die Schweden machen auf der Reise über den Kontinent gerne mal einen Zwischenstopp in Deutschland, bevor sie sich erneut auf die Autobahn schwingen.

Ja, denkt sich Mensch, und für den Anfang findet sich vielleicht ein Job im Sozialen? Mit all der Erfahrung in Sozialpsychiatrie und Flüchtlingshilfe hätte Mensch schon was zu bieten.

Hier ist nicht richtig. Ist es schon lange nicht mehr, hab's ignoriert, denkt sich Mensch. Wendland könnte richtig sein. Schrullig genug ist Mensch schließlich auch.

↔Marion Selbach, Köln

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