Online: 13.07.2017 - ePaper: 14.07.2017

Zäsur statt Ballermann

Betrifft: EJZ-Berichterstattung zu Schulabschlüssen

Wenn ich mir die letzten Monate vor dem Abitur an meiner Hauptstadtschule anschaue, empfinde ich die Berichte in der EJZ über die Abschlussfeierlichkeiten im Wendland als beruhigend, tröstend und ermutigend. In Berlin hat sich in den vergangenen Jahren ein Hype entwickelt, der mich mehr an Ballermann erinnert, denn an Erwerb der Hochschulreife. Die Planung der Abi-Fahrt (vorzugsweise Billigangebote in Tourismushochburgen), die Suche nach einer hippen Location für den Abi-Ball (und nach dem spektakulären Outfit), die Gestaltung des Abi-Buches (was eigentlich nur noch ein Bilderbuch ist mit vermeintlich coolen und witzigen Poser-Fotos) und das Toppen des Abi-Streichs des Jahres davor (und damit immer mehr die Grenzen zur Kriminalität überschreitend) lassen den akademischen Höhepunkt des Schülerlebens, die Abiturprüfungen, mehr und mehr in den Hintergrund treten. Nicht zu vergessen die sorgfältig geplante Motto-Woche während des noch laufenden Unterrichts und die Besäufnisse nach bestandenen Etappenprüfungen. Die Reden zur "Feierlichen Übergabe der Abiturzeugnisse" würde ich irgendwo zwischen Mario Barth und "Oma wird 80 und da sag ich mal was Nettes" einordnen. Kurz, langweilig und inhaltsleer.

Die EJZ würdigt dagegen die Schulabsolventen in zweifacher Weise. Es werden die Abschlussfeiern mit ihren Besonderheiten beschrieben und große Teile der Reden zitiert. Die Schüler hier machen sich offenbar gesellschaftspolitische Gedanken und sehen ihren Abschluss als Zäsur in ihrem Leben, bei der man kritisch zurückblickt und konstruktiv nach vorne. Das liest man gern, und man erfährt Interessantes über das Denken dieses Jahrgangs, dieser Generation.

Und wenn ich an mein eigenes Abitur am Fritz-Reuter-Gymnasium in Dannenberg denke, das die EJZ damals in einer Kurzmeldung mit Namensnennung und Berufswünschen der Abiturienten abwickelte, dann finde ich es großartig, dass die Zeitung ihnen heutzutage wochenlang ganze Seiten und Bilderstrecken widmet. Es ist eine Würdigung derjenigen, die hier geboren und aufgewachsen sind, ein vertrauter Teil der Gesellschaft waren - und nun überwiegend den Landkreis verlassen werden, um ihre beruflichen Wünsche zu verwirklichen.

Für manche Abiturienten wird es ein Abschied für immer sein, und nur wenige werden, so wie ich, nach dem Berufsleben ins Wendland zurückkehren. Dass die Lokalzeitung diesen jungen Menschen so viel Bedeutung beimisst, das ist angemessen und hervorragend und zeugt von Respekt.

In Berlin gibt es übrigens auch bezirkliche Lokalzeitungen, die das tun könnten. Aber dort findet man darüber nichts, sondern Anzeigen für Kneipen und Sonderangebote von Baumärkten. Auch das spricht für sich.

↔Michael Huber,

↔Streetz/Berlin

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