Online: 13.07.2017 - ePaper: 14.07.2017

Herbeikonstruierter Zusammenhang

Betrifft: Kommentar "Wen interessiert's?" von Benjamin Piel (EJZ vom 17. Juni)

Dass ein schlecht besuchtes Konzert in Schreyahn mit aus seiner Sicht erheblichen Steuermitteln subventioniert wurde, findet Benjamin Piel "beinahe anstößig". Wirklich anstößig ist die populistische Art, mit der er sich zum Sprachrohr "der Allgemeinheit" macht, sich zum Kunstrichter aufschwingt und die bescheidene staatliche Kulturförderung in Frage stellt. Es ist anstößig, mit Milchmädchenrechnungen Honorare als Reingewinn auszugeben und Ressentiments gegen die angeblich besser verdienenden Künstler zu schüren. In gönnerhafter Pose billigt Benjamin Piel Kunstschaffenden zwar "persönliche Entbehrungen" zu, appelliert aber an Neidreflexe mit der absurden Behauptung, hier würde von den Ausführenden ungerechterweise an einem Abend so viel verdient wie von anderen in einem Monat.

Es ist anstößig, als Beleg für die Förderunwürdigkeit des Minguet-Quartetts aus der Rezension eines völlig anderen Konzerts mit völlig anderem Programm zu zitieren, weil das gerade so schön in den Kram passt. Einem Teil des Publikums in der Elbphilharmonie hatte an dem Abend ein (grandios gespieltes!) zeitgenössisches Werk nicht gefallen, das ist Piel Argument genug. Die Mühe der Unterscheidung zwischen Werk und Interpreten macht er sich nicht, welche Stücke in Schreyahn auf dem Programm standen, ist ihm gleichgültig. Der herbeikonstruierte Zusammenhang heiligt das Mittel, die Last des Steuerzahlers zu illustrieren - dort wollen sie nicht klatschen, hier gehen sie nicht hin, und ich muss zahlen. Die Folgerung ist eine grundsätzliche: Wer sich wie das Minguet-Quartett durch die Auswahl nicht nur eingängiger Musik in die Gefahr der Ablehnung durch die Zuhörenden bringt, möge darin umkommen und nicht noch öffentliche Gelder verlangen, die wie in Schreyahn "sinnfrei verprasst" werden.

Die schlichte darwinistische Argumentation: Kunst, die am "Markt" nicht erfolgreich ist, ist "abseitig" und hat keine Subventionierung verdient. Man muss nicht gleich das Wörterbuch des Unmenschen bemühen, anstößig ist die Diffamierung des Massenuntauglichen als "abseitig" allerdings. Diese Haltung trägt nicht zum kritischen Diskurs bei, sie erledigt vielmehr die notwendige und zuweilen anstrengende Auseinandersetzung um Wesen und Funktion von Kunst und Kultur in einer demokratischen Gesellschaft, in der - bei aller Kritik zum Glück noch - Kulturförderung als Querschnittsaufgabe gesehen und nicht Mäzenen überlassen wird.

Sinn von Kulturförderung ist es in der Tat, gerade auch denen ein Forum zu ermöglichen, die nicht im Mainstream schwimmen, denn was am "Markt" erfolgreich ist, bedarf keiner Förderung.

↔Gabriele Müller, Brünkendorf

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