Online: 21.07.2017 - ePaper: 22.07.2017

Druck zwingt zur Fünf-Minuten-Medizin

Betrifft: "Aus für Lüchower Dialysepraxis" (EJZ vom 5. Juli)

Was für ein Trauerspiel und zugleich unsäglicher Vorgang! Da muss die seit vielen Jahren bestehende, gut etablierte Dialyse-Praxis in Lüchow schließen, weil ein Kollege, aus welchen Motiven auch immer (Neid? Verarmungswahn?), mit Unterstützung der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) dies vor Gericht durchsetzt. In besagter KV sitzen auch Vertreter der Krankenkassen. In wessen Interesse? Wohl nicht in dem ihrer Patienten. Denn die müssen sich nun eine neue Praxis suchen und eventuell sogar nach Bevensen oder noch weiter kutschiert werden. Zusätzlicher Zeitaufwand für sie und deutlich höhere Taxikosten spielen keine Rolle. Das Ganze wirft im Kleinen ein bezeichnendes Licht auf das Große: den Zustand dieses unseres "Gesundheitswesens" im Allgemeinen.

Die Privatisierung der Krankenhäuser und die Zustände im ambulanten Bereich zeigen im Alltag, dass Hippokrates - der, auf den früher die Ärzte einen Eid geschworen haben - längst Vergangenheit ist. Die Medizin gerät immer stärker unter das Diktat der Pharmakonzerne und der Medizintechnikunternehmen. Dorthin fließt das Geld der Versicherten. Die Ärzteschaft, abgesehen von ein paar Großunternehmern wie Laborärzten, Radiologen und MVZ-Betreibern, teilen sich mit einigen wenigen anderen zugelassenen (z.B. Physio- und Psycho-Therapeuten) das, was vom Kassen-Kuchen dann noch übrigbleibt.

Das Monopol für die kassenärztliche Behandlung wird zunehmend zum Bumerang für die Ärzte. Der finanzielle Druck zwingt sie zur Fünf-Minuten-Medizin und degradiert sie zu reinen Rezeptausfüllern. Nur Idealisten, deren Zahl allerdings - wen wundert's ? - immer kleiner wird, nehmen sich noch Zeit für ihre Patienten. Ein vertrauensvolles Arzt-Patient-Verhältnis, womöglich sogar entstanden über mehrere Generationen? Nostalgischer Unfug.

Die angeblich ärztliche Kunst verkommt zur reinen Dienstleistung. So wie in anderen Bereichen auch haben nur die Großen eine Zukunft. Der Mittelstand in Form der Hausärzte wird verschwinden. An ihre Stelle treten dann die medizinische Versorgungszentren (MVZ) mit angestellten Ärzten, die täglich wechseln, beliebig austauschbar sind und bei denen der eine nicht weiß, was der andere tut. Die schauen dann nur noch auf Ihre Monitore und nicht mehr in die Gesichter ihrer Patienten. Und bloß nicht anfassen oder abhören. Wozu gibt es denn Labor und Röntgen? Wie gesagt, Hippokrates war einmal.

↔Herbert Waltke,

↔Jameln

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