Online: 24.07.2017 - ePaper: 25.07.2017

Militanter Widerstand scheint nötig zu sein

Betrifft: Artikel "Grüße aus Castors Zeiten" (EJZ vom 15. Juli)

Auch die EJZ lässt es sich nicht nehmen, in die allgemeine Hetze mit einzustimmen und alte Kamellen aus der Versenkung zu holen. Gut brennende, mit Bitumen gefüllte Weihnachtskugeln, das soll mir Jens Feuerriegel mal vormachen, wie das geht. Die dazu gedacht waren, Scheiben der Wasserwerfer zu verschmieren, damit diese den Leuten nicht weiter die Knochen brechen. Mit spitzen Schrauben versehene Golfbälle waren dazu gedacht, Reifen platt zu machen, und die Leuchtspurmunition waren Feuerwerksraketen. Aber so lässt sich besser Stimmung machen.

Unwidersprochen ist, dass es immer einen militanten Widerstand gab und gibt und dass nicht nur bei den Castortransporten, sondern auch in Hamburg beim G20. Dieser scheint auch nötig zu sein, wenn nicht nur ein paar belanglose Bilder von einem friedlichen Protest gezeigt werden sollen, der aber auf den Ablauf keinerlei Auswirkung hat. Gewalt wurde auf dem G20 in unvorstellbaren Maßen ausgeübt, und zwar noch bevor der erste Stein geflogen war. Martialisch ausgerüstete Polizisten, Geheimdienste und Militärs gebärdeten sich, als zögen sie in den Krieg.

Gerichtsurteile wurden ignoriert, so als hieße der Bürgermeister nicht Scholz, sondern Erdogan. Eine Demonstration mit fast 10000 Leuten wird zusammengeprügelt, weil ein paar Dutzend Vermummte sich darin aufhalten. Fliehende Menschen werden über Zäune geprügelt, die bis zwei Meter tief fallen und sich schwer verletzten. Von diesen Gewaltorgien enthemmter Polizisten hört man nichts. Nur aufgrund vieler Videoaufzeichnungen wurden von der polizeiinternen Ermittlungskommission inzwischen fast 40 Verfahren gegen Polizisten eingeleitet.

Weiter: "Wir sind bei dem Versuch, von der Polizei in Gewahrsam genommenen Personen rechtlichen Beistand zu leisten, blockiert, beschimpft und physisch attackiert worden", sagte Rechtsanwalt Lino Peters vom Anwaltlichen Notdienst. Unendlich ließe sich diese Liste fortsetzen. Was die Polizei am meisten irritierte, dass nicht nur 1000 bis 2000 Autonome sich ihr entgegenstellten, sondern Tausende von sogenannten Partygängern sich anschlossen und ihre Wut auf Polizei und System raus ließen, nicht immer zielgerichtet. Aber das Neue war, dass es zum ersten Mal in diesem Umfang gelang, so viele mit einzubeziehen.

Zum Schluss sollte noch bedacht werden, welche Gewalt tagtäglich in den Ländern der Despoten, die da eingeladen waren, ausgeübt wird.

Das wird auch deutlich zum Beispiel an einem abgefackelten Auto. Zitat Freitag: "Es besteht aus Rohstoffen, die unter den Terms of Trade einer von den G20 beherrschten Welt gefördert und gehandelt wurden: Kupfer aus Chile, Bauxit aus Guinea oder Seltene Erden aus China - geschürft, transportiert, verarbeitet unter Bedingungen, die man mit gutem Gewissen weder den Menschen noch dem Planeten zumuten kann. Aber die Familie aus Ottensen hat kein schlechtes Gewissen. Wir alle haben kein schlechtes Gewissen. Wir erkennen die Gewalt nicht, die wir selber ausüben. Nur die, die wir selber erfahren."

↔Hansel Sauerteig,

↔Meuchefitz

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