Online: 01.08.2017 - ePaper: 02.08.2017

Überall stehen berechtigte Interessen gegeneinander

Betrifft: Berichterstattung der EJZ über den Bau von Windkraftanlagen

Zwischen Sentiment und Geldgier fällt die Vernunft durch. In Leserbriefen wird derzeit in der EJZ gegen Windkraftanlagen zu Felde gezogen. Das unterstellte und vermutlich nicht völlig abwegige Motiv der Windanlagen-Bauer: Geldgier. Auf der anderen Seite das völlige Mitgefühl für die geschundene Kreatur in Luft, Feld und Wald. Allerdings dies mit Tunnelblick. Geräusch, Infraschall, Rotorschlag und Schattenwurf schaden Vögeln und anderen Tieren - nicht zuletzt auch dem Menschen. Das sind Tatsachen, mit denen man sich auseinandersetzen muss. Allerdings wird der Schaden, den Kohlekraftwerke, Wasserkraftwerke, Gaskraftwerke und Atommeiler anrichten, ausgeklammert.

Der Grund, warum all diese Anlagen entstehen, ist Profit. Profit wird da möglich, wo es einen Bedarf nach dem erzeugten Produkt Energie (in elektrischer Form) gibt. Wir alle verbrauchen diese Energie. Ohne sie wären die Wirtschaft und unsere Lebensweise binnen weniger Tage am Ende.

Die Pioniere der Wind- und anderer erneuerbarer Energiegewinnung wollten dezentrale Erzeugung (keine Stromautobahnen). Und schon bevor das erste 80-m-Windrad in Betrieb war, warnten sie vor dem "Growian" (größte Windkraftanlage aller Zeiten - in ironischer Anlehnung an den "Gröfaz", den größten Führer aller Zeiten, Adolf). Diese Gutmenschen, zu denen ich mich auch gelegentlich zähle, vergessen immer, dass sich im Kapitalismus nur das durchsetzt, das Profit bringt - ohne Rücksicht auf alle anderen Aspekte. Die naive Sicht und das Profitstreben sind sich ähnlich - sie schließen den Rest der Realität aus, konzentrieren sich nur auf das Eine: ihr Anliegen. Und das führt dazu, dass sich in der Regel der Mächtigere durchsetzt - nicht das Vernünftige.

Wer Energie verbraucht, kann nicht glauben, dass sei schadenfrei und folgenlos für Menschen. Um Schäden zu begrenzen, muss man Kompromisse schließen - und das setzt voraus, miteinander zu reden und die Argumente des anderen ernst zu nehmen. Das trifft jeden.

Die Aufgabe des Staates ist es, Menschen und Natur zu schützen, erkennbaren Schaden abzuwenden und die Versorgung der Bürger mit allen Gütern der Existenzsicherung herzustellen. Das ist selten einfach. Denn überall stehen berechtigte (egoistische) Interessen gegeneinander. Diese Gegensätze auszugleichen, ist Aufgabe des Staates. Dazu haben wir (theoretisch) unabhängige Abgeordnete. Die sind aber so mit Lobbyisten, Partei und Karriere beschäftigt, dass die BRD ihre Aufgaben zunehmend ungenügend leistet.

Wer auf den Staat wartet, kann oft lange warten, es sei denn, er hat viel Geld und finanziert eine Lobby. Also, selbst ist die Frau oder der Mann. Allerdings macht das Mühe und ist nicht unbedingt erfolgreich. Das ist der Preis des Gemeinwesens.

Helmut Koch, Karmitz

^ Seitenanfang