Online: 01.08.2017 - ePaper: 02.08.2017

Silberblick statt Silberstreif

Betrifft: Kommentar "Armes DAN" von Jens Feuerriegel (EJZ vom 29. Juli)

Zielsicher zerhackt EJZ-Chefredakteur gel in seinem "Kampfkommentar" den Armutsbegriff und die atypischen Jobs. Und "entlarvt" in seinen Artikeln den Missbrauch statistischer Ergebnisse durch Menschen mit bestimmter politischer Motivation. Überraschend ist das nicht, auch dass er die gleichzeitig veröffentlichten alarmierend gestiegenen Zahlen von atypischen Jobs (Teilzeit, Leiharbeit, Minijob) nicht als besonderes Problem ansieht. Kein Wort auch zu dem prognostizierten Problem der Altersarmut auf Hartz-IV-Niveau, sorry, Grusi (Grundsicherung) wie man heute sagt. Sein beschriebener Silberstreif ist bei genauem Hinsehen ein politischer Silberblick, dem Weitblick, Tiefenschärfe und Zusammenhänge fehlen.

Fakt ist, dass die Hälfte der in DAN Beschäftigen atypische Jobs hat. Das ist insofern wichtig, weil damit die immer wieder angeführten 45 Jahre dauernden durchgehenden Arbeitsverhältnisse für die Berechnung von zukünftigen Renten bewusste Irreführung sind, sprich gelogen. Frauen sind besonders betroffen. Da empfehle ich gel die Lektüre der frischen Sozialraumanalyse für DAN. Durch das Absenken des Rentenniveaus bis auf 43 Prozent bis 2030 wird schon jetzt von diversen Instituten vorausgesagt, dass ab etwa 2030 rund die Hälfte der Rentner Renten in Grusi-Höhe haben werden, etwa 700 Euro.

Der Vollzeit-Gehalts-Median beträgt für DAN 2758 Euro. Für die 28 Prozent Geringverdiener in DAN beziehungsweise die atypisch Arbeitenden eine nie zu erreichende utopische Größe. Wer zum Beispiel 1450 Euro brutto verdient - und das ist gar nicht so selten - müsste laut Berechnung des Instituts Arbeit und Qualifikation der Uni Duisburg 63,2 Jahre arbeiten, um eine Rente in Grusi-Höhe (!) zu bekommen.

Übrigens, besonders oft gibt es atypische Arbeitsverhältnisse in den ersten 15 Jahren des Berufslebens. Unbezahlte Praktika, geringer Verdienst, befristete Verträge etc., alles führt zu Lücken und Dellen in der Arbeitsvita.

Was also nützt der Median-Wert einer Vollzeitstelle für eine umfassende Betrachtung der immer prekärer werden Situation für viele Menschen? Ja, ich gebe zu, ich bin politisch motiviert und versuche deshalb Fakten, die zusammengehören, auch zusammen zu interpretieren und in ihren Folgen zu erfassen. Das liefert gel nicht und genau damit ist sein "Bericht" politisch motiviert, allerdings in entgegengesetzter Richtung.

Die IG BAU fordert angesichts dieser Entwicklung mit Blick auf die Bundestagswahl "klare Konzepte gegen die Unwucht im Arbeitsmarkt". Ehrlich, "Unwucht" ist schon eine Verharmlosung. Hier tickt eine soziale Bombe, der nur mit einer völlig veränderten Politik zu begegnen ist. Laue Lüftchen à la Martin Schulz, noch dazu ohne den Versuch, dafür auch Mehrheiten zu schaffen, bringen nichts.

Kurt Herzog, Dannenberg

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