Online: 08.08.2017 - ePaper: 09.08.2017

Wachsende Armut - es gibt sie

Betrifft: Kommentar "Armes DAN" von Jens Feuerriegel (EJZ vom 29. Juli)

Die vor allem durch die rot-grüne Hartz-Gesetzgebung und die Agenda 2010 beschleunigte Entwicklung der Armut (insbesondere Kinder- und Altersarmut) ist den Gesundbetern unserer gesellschaftlichen Unordnung offensichtlich unangenehm, wird doch offiziell immer das Gegenteil behauptet. "Uns geht es gut" (Angela Merkel). Das mag wohl auf sie und ihre Regierungsmitglieder zutreffen. Großen Teilen der Bevölkerung geht es aber nicht gut, sondern zunehmend schlechter.

Da hilft auch kein Hin und her zwischen diversen Statistiken und Begriffen, wie in der EJZ. Zurzeit beziehen allein über 800 Lüchow-Dannenberger im Alter oder bei Erwerbsminderung die sogenannte Grundsicherung, also rund 700 Euro, was ein Leben an der Armutsgrenze garantiert. Viele Menschen sind durch eine gleichbleibend hohe Arbeitslosigkeit betroffen. Da hilft auch keine Verminderung durch statistische Tricks auf drei Prozent. Nach dem Arbeitslosengeld I kommt Hartz IV. Eine sogenannte "Grundsicherung" statt ehemals Arbeitslosengeld und Sozialhilfe. Maximal ein Jahr wird Arbeitslosengeld I gezahlt.

Was bedeutet das für den arbeitslos gewordenen Feuerriegelschen Single aus Lüchow-Dannenberg mit seinem mittleren Äquivalenzeinkommen von 1500 Euro netto? Er erhält 60 Prozent, mit Kind(ern) 67 Prozent des letzten durchschnittlichen Nettoeinkommens für maximal ein Jahr. Das wären 900 Euro bzw. 1005 Euro mit Kind(ern). Nach dem Bezug von ALG I bei fortgesetzter Arbeitslosigkeit spült Hartz IV dem Glücklichen bei Erstattung von 490 Euro für Miete etc. satte 374 Euro fürs Leben in den dünn gewordenen Geldbeutel. Ausreichend für ein gutes Leben und eine gute Rente?

Dazu kommen: Teilzeitarbeit mit entsprechenden Lohneinbußen, die zum Regelfall wird statt eine Möglichkeit darzustellen, flexibel auf etwa familiäre Gegebenheiten durch Verringerung der Arbeitszeit reagieren zu können sowie die Demontage der gesetzlichen Rentenversicherung auf Kosten des Ausbaus des privaten Versicherungsbetrugs. Ergebnis: radikale Senkung des Rentenniveaus der gesetzlichen Rentenversicherung (von 63 auf 47 Prozent des letzten Netto-Einkommens). Das bedeutet gerade für Menschen mit normalem Einkommen Armut im Alter. Nix mehr übrig, um mal die Enkelkinder zu beschenken oder mal kulturelle Veranstaltungen zu besuchen. Geschweige denn einen Urlaub zu machen.

Viele Betroffene quälen noch andere Formen von schlecht bezahlter Arbeit: Scheinselbstständigkeit, Ich-AGs, befristete Arbeitsverträge, immer weniger für ein gutes Leben ausreichende sozialversicherungspflichtige Vollzeitstellen. Denn nicht jede Vollzeitstelle kann ein gutes Leben ermöglichen. Die Versicherungspflicht beginnt bei 451 Euro pro Monat und endet bei 5799 Euro pro Monat. Eine Einkommensdifferenz von über 5000 Euro! Und das mittlere Einkommen liegt bei Weitem nicht beim Durchschnitt von 2900 Euro!

Ja, es gibt sie, die wachsende Armut - auch in Lüchow-Dannenberg. Politisch gewollt ist sie eine Schande für ein reiches Deutschland!

Dr. Klaus Reizig, Köhlen

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