Online: 18.08.2017 - ePaper: 19.08.2017

Als Radfahrer in einer "verkehrten Welt"

Betrifft: Artikel "Der Verteilungskampf tobt" (EJZ vom 11. August)

Ich glaube, ich befinde mich in einer verkehrten Welt: Mehr als 1000 Verkehrstote in einem Jahr scheinen die "bösen" Radfahrer verursacht zu haben, die durch ihre Faustschläge ins Gesicht der Autofahrer eindeutig die Schuldigen im Straßenverkehr sind.

Ja, es gibt noch einige Radfahrer, die sich leider nicht an die Verkehrsregeln halten. Aber es gibt hunderttausende Autofahrer, die sich nicht an die Geschwindigkeitsbegrenzungen halten (siehe Zone Tempo 30 - nicht umsonst kursiert bei den Kommunalpolitikern die Weisheit: bei Tempo 30 werden 50 km/h gefahren und bei Tempo 50 eben 70 km/h), und unzählige Autofahrer parken auf Fahrradspuren. Neuerdings nehmen mutige Fahrradfahrer dieses Ärgernis zum Anlass und parken ihr Fahrrad auf der Straße mit dem Hinweis: Bin mal eben beim Bäcker.

Und welcher Autofahrer hält beim (Fahrrad-)Überholvorgang den empfohlenen Sicherheitsabstand von 1,50 Metern ein? Auch hier sind höhere Bußgelder und ein Punkt in Flensburg dringend geboten. Last but not least haben die Städte es seit Jahrzehnten versäumt, den öffentlichen Verkehrsmitteln und dem Rad Vorrang vor den Autos zu schaffen.

Denn: Je mehr Menschen auf Bus, Bahn und Fahrrad umsteigen können und wollen (die meisten Wege in der Stadt sind kürzer als fünf Kilometer), desto schneller kommen auch die voran, die auf das Auto angewiesen bleiben.

Gerade im Hinblick auf die Verdieselung unserer Atmosphäre fordern wir im Einklang mit dem Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC): Vorrang für Radfahrer, Fußgänger und Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV), 800 Millionen Euro pro Jahr für den Radverkehr, Tempo 30 in Ortschaften, Qualitätsstandards für Radinfrastruktur, Radschnellwege statt Stadtautobahnen, kreative Verteilung von Finanzmitteln für Radverkehr und Kommunen.

Denn: Wenn es ums Radfahren geht, sind noch alle Länder Entwicklungsländer.

Holger Burmeister, Hitzacker

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