Online: 24.08.2017 - ePaper: 25.08.2017

Arzt als Gatekeeper

Betrifft: "Massenabfertigung droht", EJZ vom 12. August

Mich sprach das Interview mit Dr. Niemann an und ich möchte darauf aus Sicht der Heilmittelerbringer reagieren. Ich bin Ergotherapeutin und arbeite im ambulanten Bereich. Die Situation der Budgetierung von Heilmitteln bekommen wir in unserer täglichen Arbeit sehr stark mit. Dabei stellt sich die Rolle des Arztes als "Gatekeeper" (Regler der Verordnungsmenge) als eine sehr schwierige dar. Wahrzunehmen, dass eine Person Therapie benötigt, diese aber auf Grund der Angst vor Regressen nicht zu verordnen, ist meiner Meinung nach eine äußerst schwierige Situation des deutschen Gesundheitssystems. Zwar wurden durch die Änderung der Heilmittel-Richtlinie Veränderungen hinsichtlich des langfristigen Heilmittelbedarfs getroffen, für einige Diagnosen gibt es jedoch keine Verbesserungen.

Dabei nehme ich systemische Ungereimtheiten wahr. Die Ausgaben für Heilmittel (Heilmittel sind persönlich zu erbringende, ärztlich zu verordnende medizinische Dienstleistungen wie Ergo-, Physiotherapie oder Logopädie) machen nur drei Prozent der jährlichen Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung aus. Ergotherapie, Physiotherapie, Logopädie und Podologie kann als kleiner Teil betrachtet werden. Trotzdem unterliegen sie starken Budgetierungen. Die Neuerung des Heilmittelgesetzes versucht zwar, die Positionen zu stärken, trotzdem unterliegen viele Ärztinnen und Ärzte Regressandrohungen.

Dabei zeigte sich in bisherigen Forschungen, dass Heilmittel bei verschiedenen Erkrankungen wirksam sind, wie zum Beispiel betätigungsorientierte Ergotherapie bei mittlerer bis schwerer Demenz oder bei Kindern mit umschriebenen Entwicklungsstörungen motorischer Funktionen. In den verschiedenen Leitlinien wurden die entsprechenden Therapien je nach Wirksamkeitsnachweis mit aufgenommen.

Können Therapien dazu führen, dass Operationen oder stationäre Aufenthalte verhindert werden können, würde das eine immense Ersparnis für das Gesundheitssystem bedeuten. Es fehlen jedoch Nachweise, die diese große Wirksamkeit der Therapieberufe beweisen. Gleichzeitig ist es schwer, eine Wirksamkeit in Richtung Primär- oder Sekundärprävention von Therapien zu belegen.

Es sind in Deutschland mehr Wirksamkeitsnachweise notwendig, um evidenzbasiert arbeiten zu können. Der Wissenstransfer von der Forschung in die Praxis muss weiter ausgebaut werden. Zudem gibt es in Deutschland unzureichende therapeutische Forschung. Das deutsche Gesundheitssystem könnte im sekundären Sinne mehr sparen, wenn eigentlich günstige Heilmittel ausgebaut werden und es möglich wäre, durch frühzeitige Therapie Spätfolgen abzuwenden. In meinem Masterstudium setzte ich mich in den letzten Jahren unter anderem mit dem Thema Akademisierung der Therapeut/inn/en auseinander. Es wäre schön, wenn weitere Verbesserungen erreicht werden könnten und mehr Strukturen für eine interdisziplinäre Zusammenarbeit geschaffen werden.

Jana Kruppa, Lüchow

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