Online: 10.11.2017 - ePaper: 11.11.2017

Jesuanischer Umschwung

Betrifft: Artikel "Akt der Befreiung" (EJZ vom 1. November)

In verschiedenen Hinsichten war die Reformation tatsächlich ein Akt der Befreiung. Allerdings nicht in Richtung Frieden und Gewaltfreiheit, denn Luther war nicht gewaltfrei. Da hat er den Nazarener wirklich nicht verstanden. In meinen Augen war Luther denn auch kein ‚Christ' im Sinne Jesu, der diesen Titel nicht für sich in Anspruch nahm; aus Jesus wurde erst sehr viel später ein ‚Christus' gemacht.

Und Luthers Kirche? Hat den Nazarener bis heute auch nicht verstanden, denn sie ist immer noch keine Friedenskirche, genauso wenig wie die katholische Kirche. So passen die beiden gut zusammen, Luther und die EKD. So wie Luther eine Obrigkeit brauchte zu seinem Schutz und dieser dann treu blieb, so ist auch die EKD heute immer noch obrigkeitshörig, indem sie immer noch Militärseelsorge betreibt - in Soldatenuniform und von der Bundeswehr bezahlt. Staatskirche also. Was ich nicht mehr verstehen kann.

Vier Tage vor dem Reformationstag segnete der evangelische Militärseelsorger Andreas Kölling (Militär im Evangelium) beim Richtfest für das Kriegsübungsgelände ‚Schnöggersburg' das Gelände offiziell im Namen der EKD ein. Er mag gedacht haben: im Namen ‚Christi'...?

Die Einsegnung wurde fotografisch festgehalten von dpa. Der EJZ liegt das Bild vor.

Die EKD hat, zusammen mit Bund und Ländern (Staatskirche eben), Millionenbeträge ausgegeben für die Vorbereitung des Jubeljahres (siehe oben erwähnten EJZ-Artikel). Wofür? Ich denke: um die Noch-Kirchenmitglieder bei der Stange zu halten und möglichst neue hinzuzugewinnen. Wer von den Kirchenprofis möchte schon die Basis der Einkünfte schrumpfen sehen?

Es gibt aber auch Pfarrer/innen und weitere Mitglieder, die erstens den gewaltfreien Jesus ernst nehmen und zweitens seit langem hartnäckig innerhalb der EKD dafür kämpfen, das Kirchenruder in diese Richtung umzulenken. Denen gilt meine Bewunderung. Und hier und da gelingt es auch langsam in ein paar Landeskirchen! Auf Bundesebene noch lange nicht, denn eine feste Burg ist die EKD-Synode. Als Pfarrer war Bedford-Strohm für die Änderung in Richtung Gewaltfreiheit; er hat sogar eine aktive Rolle gespielt bei der Friedenssteuer-Initiative in den 80er-Jahren. Aber als Vorsitzender der EKD-Synode hat er nun ‚Bedenken'. Wenn aber eines Tages der jesuanische Umschwung bis in die EKD-Synode gelingen sollte, würde das die alte Reformation in seiner Wirkung weit übertreffen. Das wäre erst recht ein Akt der Befreiung - für die ganze Welt. ↔Gertie Brammer, Karwitz

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