Online: 27.10.2014 - ePaper: 30.10.2014

Michael Mützel: Der Mann am Telefon

bp Lüchow. Als Michael Mützel vor 20 Jahren sein Ehrenamt beim Kinderschutzbund Lüchow-Dannenberg begann, kaufte er manchmal Briefmarken für 3,50 Mark. Heute führt er als Schatzmeister des Vereins ganz nebenbei so etwas wie ein mittelständisches Unternehmen, bewegt 150 000 bis 200 000 Euro pro Jahr. Und das, ohne dafür einen einzigen Cent zu bekommen. Der Kinderschutzbund hat mittlerweile sieben Angestellte, betreibt einen Kindergarten und das Kinderstübchen in Kassau. Mützel ist neben seinem Vollzeitjob als Planer bei der DB Regio Nord Motor und Ideengeber des nur 56 Mitglieder starken Vereins. Als er Mitte der 90er-Jahre in die Vereinsarbeit eingestiegen war, hatte es noch keine Betreuungseinrichtungen und keine angestellten Mitarbeiter gegeben. Mützel war Busfahrer gewesen, hatte sich mit seinem Beruf nicht so recht ausgelastet gefühlt und etwas für Kinder tun wollen. Als Vater zweier Söhne, die heute 22 und 24 Jahre alt sind, war er in der Schule und im Kindergarten immer Elternvertreter gewesen, weshalb ihm die Themen Kinder, Soziales, Schule und Kindergarten schon damals am Herz lagen. Heute kann er sich über mangelnde Auslastung nicht mehr beklagen. Im Gegenteil. Mützel hat einen anspruchsvollen Beruf und reibt sich während der restlichen Zeit für den Kinderschutzbund auf. Und zwar bis ins kleinste Detail. Er mäht am Wochenende sogar den Rasen des Kindergartens. Verantwortung zu übernehmen, das hat Mützel schon früh lernen müssen. Als er elf Jahre alt war, starb sein Vater. Seine Mutter war 36 Jahre alt, hatte acht Kinder und war plötzlich Witwe. „Ich habe damals Verantwortung übernommen“, erinnert sich der heute 56-Jährige. Mützel hat seitdem genau genommen nie aufgehört, Verantwortung zu übernehmen. Beruflich hat er sich vom Busfahrer zum Verkehrsplaner hochgearbeitet, ehrenamtlich hat er den Kinderschutzbund in Lüchow-Dannenberg als kaum wegzudenkende Institution etabliert. Immer wieder hat sich Mützel Aktionen einfallen lassen, um etwas für Kinder vor Ort zu tun, denen es nicht so gut geht. Und davon gibt es leider nicht zu wenige: „Kinderarmut ist ein großes Thema in Lüchow-Dannenberg.“ Mützel hat sich zum Beispiel die Weihnachtspatenaktion ausgedacht. Im vergangenen Jahr haben 500 Kinder dadurch ein Weihnachtsgeschenk bekommen. „Kindern etwas zu ermöglichen, das ist mir besonders wichtig“, sagt Mützel, der sich selbst als stillen Arbeiter bezeichnet, und der die Arbeit am Schreibtisch lieber mag als auf einer Bühne zu stehen. Manchmal muss er aber genau das. Einmal im Jahr versteigert er in Lüchow Fundsachen, die in Bussen liegengeblieben sind: „Leute bekommen günstig Kleidung und das Geld fließt komplett an den Verein.“ Und dann ist Mützel noch der Mann am Telefon. Nahezu 24 Stunden am Tag, elf Monate im Jahr ist die Kinderschutzbund-Hotline (0 58 41) 18 88 auf sein Handy umgeleitet. „Da kommen oft Dinge ans Licht, die man eigentlich gar nicht wissen will – viele Dinge gehen mir sehr unter die Haut“, sagt Mützel. Vor drei Wochen hat abends eine Frau angerufen, die ihre Kinder nur einmal im Monat sehen kann, die aber kein Geld mehr hatte, um am nächsten Tag zu ihnen zu fahren. Mützel fackelte nicht lange, traf sich mit der Frau und gab ihr Geld für die Fahrt. Im Durchschnitt zehn Mal im Monat kommen Anrufe. Oft hört Mützel einfach nur zu: „Damit ist oft schon ein ganzes Stück geholfen.“ Stellt sich die Frage, wie ein Mann das alles schafft. Mützel hat darauf eine Antwort, die gut zu einem Verkehrsplaner passt: „Wenn ich nicht so ein ausgefeiltes Zeitmanagement hätte, würde ich es gar nicht schaffen.“

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