Online: 03.11.2016 - ePaper: 04.11.2016

Aktion Mensch Lüchow-Dannenbergs: Heute Kandidatin Christel Bremer

ZoomOhne Terminkalender geht gar nicht: Um alle ehrenamtlichen Termine koordiniert zu bekommen, führt Christel Bremer minutiös ihren Kalender.

Von Petra Witte

Schnega. Vor Kurzem hat Christel Bremer der montenegrinischen Familie, die sie über ein Jahr lang betreut hat, ein Foto von sich geschickt. Und obwohl die kleine Tochter sie schon seit Wochen nicht mehr gesehen hatte, rief sie sofort begeistert "Kiki" - ihr Name für Christel Bremer - als sie das Bild zu Gesicht bekam. "Das ist es doch schon wert", freut sich die 59-Jährige und zeigt auf ihrem Handy eine Aufnahme des kleinen Mädchens an ihrem ersten Geburtstag.

Als im Mai vergangenen Jahres zwei Familien aus Montenegro sowie ein sudanesischer Flüchtling nach Schnega Bahnhof kamen, nahm Christel Bremer sie nicht nur in Empfang, sondern verbrachte den ganzen Tag mit den Neuankömmlingen, half ihnen beim Einzug, holte fehlende Dinge aus ihrem eigenen Haushalt und fuhr mit ihnen einkaufen. "Und das alles nur mit Zeigen, anders konnten wir uns ja nicht verständigen", erinnert sich Bremer. Also besorgte sie sich Wörter- und Sprachbücher.

Denn von Anfang an war klar, dass es nicht bei der Begrüßung bleiben würde. Christel Bremer betreute die Familien auch weiterhin, half ihnen beim Einleben, begleitete sie zu Behörden, Ärzten, Krankenhäusern oder zu Elterngesprächen in der Schule. So hat sie in den rund 15 Monaten, die die beiden Familien in Schnega Bahnhof gelebt haben, zwei prall mit Unterlagen gefüllte Ordner angesammelt, die noch immer auf dem Büfett im Esszimmer liegen.

Die Familien mussten im Spätsommer zurück nach Montenegro; den Flug für einen Besuch im Mai haben Christel Bremer und ihr Mann Thomas bereits gebucht. Denn aus der Betreuung ist schon lange eine Freundschaft geworden. Ähnlich verhält es sich mit Ibrahim. Den Sudanesen, der nach wie vor in Schnega Bahnhof lebt, fährt Bremer regelmäßig in Krankenhäuser und zu Arztterminen - rund 7000 Kilometer ist sie seit dem vergangenen Sommer für und mit den Flüchtlingen gefahren, hat Christel Bremer ausgerechnet. Ibrahim, dem Thomas Bremer Fahrradfahren beigebracht hat, kommt fast jeden Abend zumindest für einen kurzen Besuch vorbei. Ebenso wie die syrische Familie, deren Sohn die Schnegaerin jeden Morgen in den Kindergarten bringt.

Möglich sei ihr Engagement nur, weil ihr Mann Thomas sie nicht nur tatkräftig unterstütze, sondern "mir den Rücken frei hält in Haus und Garten", betont Christel Bremer, die in zwei Clenzer Verlagen arbeitet. Auch ihre Chefs dort seien "sehr verständnisvoll".

Sie habe schon immer gern anderen Menschen etwas Gutes getan, sagt Bremer, die vier erwachsene Kinder hat. Das zeigt sich auch daran, dass sie, die von ihrem Wohnzimmerfenster direkt auf den Bahnsteig des Schnegaer Bahnhofs sehen kann, immer wieder Reisende, die dort gestrandet sind, mit zu sich nach Hause nimmt - damit sie sich aufwärmen, die Toilette benutzen oder jemanden anrufen können. Auch um ein älteres Ehepaar in der Nachbarschaft kümmert sich Christel Bremer, die selbstverständlich auch die Tiere von Freunden und Bekannten in Pflege nimmt, wenn diese einmal verreisen oder ins Krankenhaus müssen.

Ihre Eltern waren Waisen, hatten eine schwere Jugend und noch zu Beginn ihrer Ehe kein eigenes Zuhause. Der Vater kam als Neunjähriger allein aus der Ukraine nach Deutschland. "Da habe ich das vielleicht her. Die ganzen Geschichten sind so tief in mir verankert. Vielleicht ist das der Grund, dass ich so geworden bin, wie ich bin und dass ich auch verstehen kann, wenn die Menschen hierher kommen", sagt Bremer.

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