Online: 07.11.2016 - ePaper: 08.11.2016

Wahl zum Menschen Lüchow-Dannenbergs: Heute Dorette Niemann und Berthold Schüßler

ZoomDorette Niemann und Berthold Schüßler haben eine ganze afghanische Familie bei sich aufgenommen – unbürokratisch und mit dem festen Willen, zu helfen.

rg Bahrendorf. Es war ein einziger Abend, der alles ins Rollen brachte. Ein Abend, eine Frage, die alles veränderten. Alles im Leben von Dorette Niemann und Berthold Schüßler. Und alles im Leben von Reza, Najibe, Saeed, Narges, Gheis und Somajé. Und im Leben von Mobin. Ihnen, allesamt Flüchtlinge aus Afghanistan, gaben Dorette Niemann und Berthold Schüßler eine Heimat, ein Zuhause. Bei sich daheim in Bahrendorf, im Nordwesten Lüchow-Dannenbergs. Wenn auch nur vorübergehend. Spontan und selbstlos, ohne lange darüber nachzudenken. Aus dem festen Glauben daran, dass man, wenn man von Leid erfährt, und es in der Macht hat, dieses Leid zu lindern, dies auch tun müsse. Als Christenmensch. Auch und gerade wenn es sich bei jenen, denen man hilft, nicht im Christen handelt, sondern um Muslime. Dorette Niemann und Berthold Schüßler nahmen die Flüchtlinge in ihrem Haus auf, rückten zusammen - und kümmerten sich so lange um sie, bis sie eine eigene Wohnung zugewiesen bekamen. Sie hießen sie willkommen, in ihrem Haus, in ihrer Familie. Ganz selbstverständlich.

Alles begann im Frühjahr 2015. Eine Nachbarin des Ehepaares Niemann/Schüßler erzählte ihnen von einem tieftraurigen afghanischen Jungen, der jemanden brauchen würde, der ihm helfen könne. "Bevor wir von dieser Geschichte hörten, war das alles ganz weit weg, war uns nicht präsent", erzählt Dorette Niemann. Doch mit einmal war das anders. "Wir wussten jetzt von dem Jungen, der Hilfe braucht - und haben uns gesagt, dass wir ihm nun helfen oder nie wieder darüber sprechen. Weil wir dazu nichts mehr zu sagen hätten. Und so haben wir uns entschlossen, ihn bei uns aufzunehmen." Dieser junge Mann war Mobin, minderjährig, aus Afghanistan über den Iran, die Türkei, Griechenland und den Balkan vor den Taliban nach Deutschland geflüchtet, allein, ohne seine Familie. Er war in einer Sammelunterkunft in Schleswig-Holstein untergebracht, zusammen mit vielen anderen Flüchtlingen, von denen keiner seine Sprache sprach - und es waren alles Erwachsene. "Mobin hatte bei seiner Ankunft gesagt, er sei 18, damit er nicht als unbegleiteter Jugendlicher galt, dabei war er erst 17", erinnert sich Dorette Niemann. "Also haben wir ihn abgeholt. Einfach so. Wir hatten ja keine Ahnung, was da alles auf uns zukommen würde."

Nämlich ein schier unendlicher Ritt durch die Instanzen. Dutzende Schreiben aufsetzen und Telefonate führen musste das Ehepaar, mal mit verständnisvollen Behördenmitarbeitern, die helfen wollten, mal mit solchen, die sich strikt an die Paragraphen des Ausländergesetzes hielten. Doch Dorette Niemann und Berthold Schüßler blieben beharrlich, fast ein ganzes Jahr lang, bis es endlich klappte. Und sie nahmen Mobin nicht nur auf, sie vermittelten ihm einen Sprachkurs bei der evangelischen Kirche in Hitzacker, integrierten ihn in ihre Familie. "Mobin hat mir im Garten geholfen, beim Kartoffelpflanzen", erinnert sich Berthold Schüßler. "Am Abend dann konnte er seine ersten deutschen Worte: Kartoffeln, Kompost, Schubkarre und Grabe-Gabel", lächelt er. Ab dem Sommer ging Mobin in Lüchow zur Schule, mittlerweile hat er dort den Hauptschulabschluss gemacht.

Im Oktober 2015 schließlich hörte Mobin erstmals wieder etwas von seiner Familie. Sie war aus Theran aufgebrochen, war auf dem Weg nach Deutschland, unter Lebensgefahr. Monate dauerte ihre Flucht - und sie endete schließlich am 10. März 2016 nach einer Nacht- und Nebel Aktion mit einem geliehenen Ford-Bus ebenfalls in Bahrendorf, im Haus von Dorette Niemann und Berthold Schüßler. "Wir sagten uns: Wenn die Familie hier ist, und wir es nicht schaffen, sie und Mobin wieder zusammenzubringen, dann war alles umsonst", erinnert sich Dorette Niemann. Also rückte man in dem schönen Fachwerkhaus zusammen - und lebte Seite an Seite. Als Familie.

Mittlerweile sind Dorette Niemann und Berthold Schüßler wieder allein in Bahrendorf. Meistens. Doch ihre afghanische Zweit-Familie kommt sie besuchen. "Wir helfen weiter, wenn wir können. Als Freunde", sagt Niemann. Ganz selbstverständlich.

 

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