Online: 10.11.2016 - ePaper: 11.11.2016

Wahl zum Menschen Lüchow-Dannenbergs: Heute Kandidatin Kerstin Fröhlich

ZoomMaterial für das Projekt „Hospiz macht Schule“ ist in dem Koffer, den Kerstin Fröhlich hält. Für die Krankenschwester ist Sterben ein Lebensthema, sie engagiert sich neben ihrem Beruf im Projekt „Hospiz macht Schule“ des Hospizvereins Lüchow-Dannenberg. Kindern beim Trauern zu helfen und ihnen die Gelegenheit zu geben, über ihre Erfahrungen mit dem Thema Tod zu sprechen, ist das Ziel.

tj Vietze. "Sie war so schön, so still, so friedlich." Kerstin Fröhlich erzählt von einer sehr persönlichen Erfahrung. Davon, wie sie ihre Großmutter nach deren Tod noch einmal sah. Auf ihren Wunsch. Acht Jahre alt war sie damals. Sie habe den "Tod nicht schlimm" gefunden, erinnert sie sich. Sie hatte die Großmutter mitgepflegt, bevor diese starb. Das war schon damals eher nicht die Regel für Kinder, und ist es heute wohl noch weniger. Dabei gebe es viele Kinder, die "mit dem Sterben belastet sind" - dem eines Angehörigen, dem eines Tieres, sagt Kerstin Fröhlich. Doch meist würden Kinder bei diesem Thema außen vor gehalten. Erwachsene könnten nicht mit Kindern über das Sterben reden, "wenn sie diese Erfahrung selber nicht verarbeiten können".

Um es Kindern zu ermöglichen, "spielerisch die Erfahrung zu machen, dass Sterben etwas normales ist", hat sich Kerstin Fröhlich in dem Projekt "Hospiz macht Schule" engagiert und damit ihren Aktivitäten im Lüchow-Dannenberger Hospizverein und als Sterbebegleiterin einen besonderen Akzent gegeben. "Ich wusste sofort, das ist meins", erinnert sie sich an den Moment, als Mitglieder des Salzwedeler Hospizvereins bei einem Treffen die Idee "Hospiz macht Schule" vorstellten. Das war 2013. Auch eine gleichaltrige Freundin, erinnert sich Kerstin Fröhlich, unterstützte sie: "Da waren wir schon zwei." Und wenn Hospiz heute Schule macht, sind in dem Team abwechselnd sechs von acht dafür Engagierten dabei, damit ausreichend Ansprechpartner für die Kinder da sind. Kerstin Fröhlich sieht sich bei "Mensch Lüchow-Dannenbergs" als Vertreterin aller im Team.

Zwar sei der Umgang von Kindern mit Sterben und Tod meist eher von "Unbefangenheit" geprägt, beschreibt Kerstin Fröhlich. Das heiße aber natürlich nicht, dass sie keine Unterstützung bräuchten. "Wir sagen ihnen: Es geht uns was an, was ihr erlebt. Ihr dürft weinen, erzählt, was ihr fühlt, ruft uns an..." Immer wieder beobachte sie, dass die Reaktionen der Kinder "so spontan und ehrlich sind, und dass sie ein Urvertrauen haben". Kinder, beschreibt Kerstin Fröhlich, nähmen Trauer, wie sie kommt: "Kinder trauern in Pfützen, Erwachsene ertrinken in einem Meer". Das werde auch in den Bildern der Kinder deutlich: "Viel Regenbogen, viel Hoffnung."

Auch weil die Kinder bei "Hospiz macht Schule" malen, bringt Kerstin Fröhlich jedes Mal mehr Zeit auf als die Woche in der Schule. Die Vorbereitungszeit sei deutlich länger, berichtet Kerstin Fröhlich. "Stundenlang Buntstifte anspitzen, Deko-Material zum Basteln besorgen, Kisten mit Kerzen und Tüchern sortieren, Stempel und Luftballons, Elternabend", das alles gehört dazu, deutet sie an, was im Vorfeld der Woche an der Schule passiert. Eine Woche, für die sich die vierfache Mutter "komplett Urlaub nimmt, das wird mir nicht geschenkt".

Auch im Beruf hat Kerstin Fröhlich mit Sterben und Tod zu tun, sie ist Krankenschwester: "Das wollte ich immer", sagt die 46-jährige Katholikin, die in Köln geboren, im Teutoburger Wald aufgewachsen und seit rund 16 Jahren Lüchow-Dannenbergerin ist und in einer onkologischen Praxis arbeitet. Seit rund sieben Jahren ist sie als Palliativschwester ausgebildet und hat sich in der Folge auf Kinder und Jugendliche spezialisiert. So arbeitet sie auch im Betreuungsnetzwerk für schwerkranke Kinder. Aber auch für die der Betreuung von Dementen und als "Pain Nurse", als Schwester für Schmerzpatienten also, hat sie sich fortgebildet. Das Intermezzo einer weiteren Ausbildung als Reisebürokauffrau - "wegen einer Allergie" - passte ebenfalls in den beruflichen Werdegang. Es war nicht von Dauer.

Neben ihrem Engagement für "Hospiz macht Schule" gehört Kerstin Fröhlich zum Vorstand des Hospizvereins, in dem 25 Menschen aktiv sind. Sterbegleiterin ist sie auch. "Selbst wenn man stirbt, lebt man noch", das ist die Erfahrung, die zu vermitteln sie als ihr Ziel beschreibt. Wichtig sei es, sich möglichst früh kennen zu lernen, einen Sterbenden ein Stück aus seinem Alltag herauszuholen. Auch wenn das Leben konkret zu Ende geht: "Jeder hat noch etwas, sei es ein Buch vorgelesen zu bekommen, sei es, zu erfahren, was draußen passiert." Hospiz, fasst Kerstin Fröhlich unter Hinweis auf die ursprüngliche Bedeutung des Wortes zusammen, "das heißt nicht Sterben, sondern das heißt Herberge". Auch für die Angehörigen sei ihre Arbeit wichtig, "manchmal sind wir ein Bindeglied für die Familien."

Dass sich Kerstin Fröhlichs Engagement für Menschen an der Schwelle zum Tod mit "Hospiz macht Schule" auf den anderen Pol des Lebens hin, auf Kindheit und die Jugend, richtet, ist kein Zufall: "Wir müssen dem Sterben mehr Leben geben", sagt sie, "was ich vehement verteidige, ist, dass Sterben dazu gehört", und wendet sich so gegen Euthanasie. "Die ist Angst vor dem Sterben, davor, wie man stirbt."

Und sie selbst? Wie geht sie damit um, was sie erlebt? "Ich nehme mehr mit als ich gebe", sagt sie darüber, wie sie die Sterbegleitungen erlebt. Ist sie religiös? "Der christliche Gedanke ist, etwas zu geben, Samariter zu sein", ist die Antwort.

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