Emotionalität und Präzision
Klavierkonzert mit Lipstein
Lipstein begann mit dem Italienischen Konzert in F-Dur BWV 971 von Johann Sebastian Bach. Der Titel deutet schon darauf hin, dass dieses Werk weltlicher und daher auch etwas leichterer Natur ist. Dennoch überwiegt auch hier die Betonung auf den Dienst an der Musik und ihren Gesetzen, die für Bach immer Ausdruck einer klaren, reinen Welt war, die weit über das persönliche Erleben hinaus geht. Und da schien Lipstein nicht so ganz in seinem Element zu sein wie bei den da-rauf folgenden Stücken. Schon mit dem Rondo Capriccioso op. 129 von Ludwig van Beethoven - auch »Die Wut über den verlorenen Groschen» genannt - zeigte Leopoldo Lipstein seine überragenden Fähigkeiten, eruptive Emotionalität mit Präzision intelligent zu verbinden. Im Hochzeitsmarsch und dem Elfenreigen aus »Ein Sommernachtstraum» von Felix Mendelssohn-Bartholdy in der Bearbeitung für Klavier von Franz Liszt begeisterte Lipstein durch seine einfühlsame Interpretation der unterschiedlichen Stimmungen dieses Musikstücks. Mendelssohn-Bartholdy gelang es, die gegensätzlichen Figuren aus dem gleichnamigen Stück von William Shakespeare musikalisch-heiter miteinander zu verweben. Das Programm nach der Pause war ganz dem spanisch-portugiesischen Kulturkreis gewidmet. Der Komponist der Bachianas Brasileiras Nr. 4, Heitor Villa-Lobos, hat im deutschsprachigen Raum keine große Bedeutung erlangen können. Er sprach von sich selbst als dem »schillernden Urwaldvogel aus dem Amazonas» oder behauptete sogar, er entstamme einem Volk von Menschenfressern und könne sich nur mühsam zivilisiert geben. In den Jahren zwischen den Weltkriegen in Paris saugte er alles auf, was er für seine Musik brauchen konnte, bevor er wieder in seine Heimat zurückkehrte. Seine Bachianas Brasileiras sind eine erstaunliche, auf den ersten Blick unmöglich erscheinende Mischung aus leidenschaftlichem Erleben, das in fugischen Umformungen wiederholt wird, und in der er außerdem immer wieder folkloristische Elemente der brasilianischen Musik anklingen lässt. Das begeisterte Publikum ließ sich gern auf diese ungewöhnliche Musik ein, die durch Leopoldo Lipsteins kraftvolles und bravouröses Spiel zu einer besonderen Erfahrung wurde. Als zweiten Komponisten stellte Lipstein nach der Pause den Spanier Manuel de Falla mit seinem Werk »El Amor Brujo» vor. Falla gilt als zentrale Figur der spanischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Es scheint wie ein Paradox, dass sein Werk an die Franzosen Ravel oder Debussy erinnert, die die in Mode gekommene spanische Musik in ihren Werken verarbeiteten. Manuel de Falla war das Original einer Symbiose zwischen andalusischem Flamenco und spätromantisch-impressionistischer Kompositionstechnik. »El Amor Brujo» liegt eine iberische Sage zugrunde, die - wie auch der Flamenco immer wieder - Liebe und Tod thematisiert. Die Titel der Stücke wie »Tanz des Schreckens» oder »Das Lied vom Irrlicht» spiegeln die Dramatik dieser Komposition. Lipstein erfüllte dieses Werk, das ursprünglich als Ballett konzipiert war, mit pulsierendem Leben. Die Zuhörer wollten ihn auch nach einer Zugabe nicht gehen lassen, so dass er nach dem lebhaften Chopinwalzer op. 34 mit der zweiten Zugabe, einem Walzer von Johannes Brahms, beruhigende Elemente als Ausklang setzte.
Bild: Der argentinische Pianist Leonardo Lipstein begeisterte am Sonnabend mit seinen einfühlsamen Interpretationen der Werke von Bach, Mendelssohn-Bartholdy, de Falla und Villa-Lobos. Aufn.: B. Deckebach












