Innere Stürme, äußere Stürme
Musikwoche Hitzacker: Hartmut Sauer spielt Schubert, Chopin und Lee Hoiby
Johannis-Kirche mit den Schubertschen »Six Moments musicaux». Diese Miniaturen betrachten die Kontrastwelten romantischen Gefühls wie unter einer Lupe. Das versonnene, selbstbezogene, verdichtende Andantino steht für das eine Extrem, die Folge aus expressivem Moderato und eruptiven, spannungsgeladenem Allegro vivace für das andere. Hartmut Sauer verband die sechs kurz und schlicht angelegten »Moments» treffend durch ein Spiel, in dem Ausdruck die technische Brillanz dominierte. Bei aller Bewegtheit, bei allen Kontrasten sind Schuberts »Moments musicaux» Musik einer Innenschau. Die Gefühlsstürme, die der Komponist in diese Musik gefasst hat, verlegt die seines Kollegen Frederic Chopin ins Äußere. Jedenfalls in der späten h-Moll-Sonate, mit der Hartmut Sauer das Konzert in Hitzacker beschloss. Leidenschaftliche, raumgreifende Gesten prägen diese Musik, zumal das einleitende Allegro maestoso und das Presto ma non tanto-Finale. Sauer spielte das alles mit großem Ton, gab dem Drängen und Fordern nach, das die thematisch-motivische Entwicklung immer wieder ins Extreme zuspitzt, ergab sich einer virtuosen Rasanz - und ließ dabei Lyrismen, wie sie etwa das Seitenthema des Kopfsatzes prononciert formuliert, Raum zum Atmen. Auch das Scherzo und das direkt an Schuberts Werk anschließende Largo waren von leiser Behutsamkeit geprägt. Lee Hoibys »Toccata», die aus einem ostinaten Bass heraus mit ungestümer Intensität sich entwickelt, schließt im Gestus an die Ecksätze der h-Moll-Sonate an, durchwebt dabei ein Feld des Tonalen mit atonalen Mustern. Ähnlich arbeitet Hoiby in seinen Schubert-Variationen über ein Thema aus dessen »Deutschen Tänzen» - der Pianist arbeitete die Spannungen heraus, die zwischen diesem sich immer wieder hintergründig Bahn brechendem Thema und den rhythmisch und harmonisch waghalsigen Variationen vermitteln. Beide Werke des 1926 geborenen US-Amerikaners sind dankbare Musik für eine Interpreten wie Hartmut Sauer, der sich in seinem Spiel zur Romantik bekennt, aber auch nach neuen Wegen zu dieser sucht. Auch dieses Konzert am Beginn des zweiten Wochenendes der Musikwoche gehörte zu denen, die in einem Vorprogramm dem jüngsten musikalischen Nachwuchs Raum gaben. Die elfjährige Violoncellistin Alina Jaqueline Stieldorf spielte, am Klavier begleitet von Achim Oerter, drei kurze Stücke, darunter die Aria aus Regers Opus 70. Bemerkenswert an der Art, wie die Schülerin von Ilka Wagener die Stücke interpretierte, war neben Exaktheit (wie sie etwa die schnellen Saltandi in Arutjans Impromptu prägte) die mutige Suche nach dem eigenen Ton, das Beharren darauf, die Musik mit eigenen Ideen zu prägen. Darauf bestand die Cellistin auch dann, wenn mal ein Ton nicht ganz exakt saß: Musikalität im Zentrum. Bravo.
Bild: Bekenntnisse zur Romantik: Der Pianist Hartmut Sauer beim Konzert in Hitzacker. Aufn.: T. Janssen












