Gegensätze in eins gebracht
Mit Mozarts g-Moll-Symphonie und dem »Requiem» endete am Sonntag die 24. Musikwoche Hitzacker
Zu den Werken, die diese Ambivalenz freudiger Hoffnung und zagender Furcht konzise in eins zu fassen vermögen, gehört das »Recordare, Jesu, pie» in der Sequentia von Mozarts »Requiem». Beredt erlebbar war das am Sonntag im Schlusskonzert der 24. Musikwoche Hitzacker, in dem eine die Vieldeutigkeiten in allen Details auslotende Interpretation unter Ludwig Güttler die Gäste in der voll besetzten St. Johannis-Kirche in ihren Bann schlug. Der Chor ist es, der den Vokalpart dieses Werks dominiert - und beim Sächsischen Vocalensemble, Stammgast der Musikwoche, war dieser zentrale Teil der Musik in den besten Händen. Wie in den Vorjahren hatte Matthias Jung die Einstudierung übernommen, wie in den Vorjahren hat er von Präzision und Musikalität bestimmte Resultate erzielt. Die Stimmen waren scharf konturiert geführt, aber doch so, dass die Grenzen zwischen ihnen durchlässig waren, was unter anderem für die Eindringlichkeit sorgte, mit denen die Affektwerte des »Recordare» oszillierten. Mit dramatischen Spannungsbögen und auf die Spitze getriebenen Gegensätzen fesselte der Chor in apokalyptischen Passagen wie dem »Confutatis maledictis». Und in den eher seltenen Abschnitten, in denen sie dominiert, malte das Sächsische Vocalensemble Freude in zarten Farben. Man weiß nicht, was entstanden wäre, wenn Mozart das »Requiem» selbst hätte beenden können - die von letzlich unbekannten Interessen und Ideen bestimmte Instrumentierung seines Schülers Süßmayer wirkt im Bezug zu der chorischen Energie an mancher Stelle zu umstandslos illustrierend. Doch das präzise, den Affekten folgende, in Dynamik und Ausdruck fein abgestufte Spiel der Virtuosi Saxoniae minimierte, was Süßmayer vielleicht des Guten zuviel getan hat. Es war ideenreich und setzte wie etwa mit den verlorenen Violinfiguren am Anfang des »Lacrimosa dies illa» den Chor in sein Recht.
Das Solistenquartett spielt eine Nebenrolle, wirkt oft, als sei es eine Art Funktion des Chores, die Affekte und Strukturen dessen, was dieser singt, konzentriert, verdichtet zu sich selbst bringt. Ob im präzise intonierten Geflecht der vier Stimmen oder in den kürzestmöglichen Soli, die mit größtmöglicher Expression erklangen - der Gesang von Sopranistin Barbara Christina Steude, Altistin Annette Markert, Tenor Uwe Stickert und Bass Gotthold Schwarz war ein Aufblitzen. Steudes sehr helle und Markerts tiefdunkle Stimmfarben stehen jeweils für die Extreme der Charakteristika ihres Fachs, klug setzen sie das für ein Chiaraoscuro-Spiel ein. Einfühlsames Miteinander mit Bass und Tenor, feinfühlige Übergänge zwischen Solisten und Chor gelangen fabelhaft.
Ludwig Güttler leitete die Aufführung emotional engagiert, impulsiv sorgte er für Klarheit und Kontext. Das hatte auch Mozarts g-Moll-Symphonie bestimmt, die in den Händen Güttlers und der Virtuosi Saxoniae zum Vorschein auf die Affektwelten des »Requiem» wurde. Immer wieder, so im düster-scharfen, von Extremkontrasten des Klangs bestimmten Kopfsatz, streifte die Interpretation phantasmagorische Dimensionen fast Berliozscher Provenienz, das Andante pulsierte in Rhythmik und Dynamik. Ins Groteske gespielt das Menuetto, furios das Allegro assai - und jeder Ton auf den Punkt gebracht. Fast schien es, als habe der Leiter der Musikwoche die Lust am Dirigieren neu entdeckt. Dem letzten Ton des »Requiem» folgte nach einem bewussten Moment von Standing silence ein Applaussturm.
Bild: Barbara Christina Steude (Sopran, links) und Annette Markert (Alt) sangen im Solisten-Quartett. Es spielt in Mozarts "Requiem" eher eine Nebenrolle. 2 Aufn.: T. Janssen












