Online: 28.08.2018

Kino

Die Tränen der Richterin - “Kindeswohl”

Emma Thompson als Familienrichterin, die von einem Fall und von ihrem Privatleben erschüttert wird: Das Drehbuch zu dem anrührenden Drama “Kindeswohl” (Kinostart am 30. August) hat Bestsellerautor Ian McEwan selbst verfasst.

Wenn Fiona Maye hoch oben auf ihrem Richtersessel thront, ist ihre Autorität unanfechtbar. Dann entscheidet sie im Namen des Gesetzes und möglichst auch auf der Grundlage der menschlichen Vernunft. Niemand im Saal würde ihre Kompetenz anzweifeln. Familienrecht ist ihr Spezialgebiet, und ihre rechtliche Grundlage ist eindeutig: Das Wohl des Kindes hat als oberste Richtschnur zu dienen.

Eine beflissene Richterin mit zerrüttetem Privatleben

So steht es im britischen “Children Act” von 1989. Fiona weiß deshalb auch genau, was zu tun ist, wenn zum Beispiel zwei bemitleidenswerte Kleinkinder zusammengewachsen sind. Bleiben die sogenannten siamesischen Zwillinge vereint, sterben beide. Werden ihre Körper getrennt, kann einer von beiden überleben. Ein sanft im Glas schwappender Whiskey in ihrer weitläufigen Londoner Altbauwohnung am Abend lässt alle Anfeindungen der Kirche und der Boulevardpresse von “Mylady” abperlen, wie Fiona vor Gericht angesprochen wird.

Und doch werden wir sie später in diesem Film weinend im pitschnassen Abendkleid und auf High Heels durch London hetzen sehen. Der Fall eines krebskranken jungen Mannes hat die Richterin tief getroffen. Sie ist in ihrem Innersten erschüttert.

Klar, da ist auch noch die Sache mit ihrem Mann Jack. Nach drei Jahrzehnten Ehe steht der Geschichtsprofessor unverhofft vor Fiona (Emma Thompson) und verkündet seelenruhig, eine Affäre mit einer Frau beginnen zu wollen, die halb so alt ist wie sie. Das ändere aber nichts an seiner Liebe zu Fiona, so Jack (Stanley Tucci). Er brauche diesen sexuellen Kick - zumal es beinahe ein Jahr her sei, dass sie mit ihm geschlafen habe.

Rettung wird aus religiösen Gründen abgelehnt

Und was tut die zunächst ungläubig lauschende Fiona? Das, was sie immer tut: Sie fällt ihr Urteil, nun eben über ihren Gatten, schickt ihn zum Teufel und versenkt sich wieder in ihre Akten. Irgendeine schwierige Gerichtsentscheidung lässt sich immer noch ausformulieren, bevor der Seelenschmerz sie überwältigt.

Dann klingelt das Telefon, und ein höchst dringender Fall steht plötzlich auf der Tagesordnung: Ein 17-Jähriger liegt im Krankenhaus. Adam (Fionn Whitehead) leidet an Leukämie. Er wird sehr bald sterben, wenn er keine Bluttransfusion bekommt. Die Klinik will sofort handeln, sie hat auch das Familiengericht angerufen.

Denn es gibt ein Problem: Adam gehört den Zeugen Jehovas an. Genau wie seine Eltern lehnt er eine Transfusion aus religiösen Gründen ab. Darf Fiona sich über den Willen eines beinahe Erwachsenen hinwegsetzen, oder käme das einer Körperverletzung gleich? Fiona wählt trotz aller Dringlichkeit einen ungewöhnlichen Weg, um der Sache gerecht zu werden: Sie lässt alle im Gerichtssaal warten und begibt sich persönlich ins Krankenhaus zu Adam.

Ein jugendlicher Schwärmer, der sich in den Tod verliebt hat

Die Begegnung zwischen der klugen Richterin und dem Schwerkranken gehört zu den bewegendsten Szenen in Richard Eyres Film “Kindeswohl” nach dem Roman von Ian McEwan - für Adam und für die Zuschauer gleichermaßen. Adam weiß genau, was er tut, wenn er nichts tun lässt. Aber er ist auch ein jugendlicher Schwärmer, der sich in den Tod verliebt hat.

Als die sangeskundige Fiona eher widerwillig zu Adams frisch gelernten Gitarrenkünsten “Drunten beim Weidengarten” anstimmt, hat sie ihm einen Weg zurück ins Leben geöffnet. Dass er “jung und töricht” gewesen sei, wie es im Lied heißt, wird er später selbst erkennen.

Aber damit ist dieses Drama noch nicht vorbei. Nach seiner Heilung verfolgt Adam seine Retterin wie ein Stalker - und für einen winzigen, beinahe unabsichtlichen Moment vergisst sie ihre professionelle Distanz.

Man ahnt früh, dass die Geschichte nicht gut ausgeht

Keinesfalls ist sie versucht, sich mit einer erotischen Eskapade an ihrem sexorientierten Ehemann Jack zu rächen. Aber der junge Mann hat etwas in ihr berührt:“Das ganze Leben und die ganze Liebe” hatte die Richterin dem Todkranken in ihrer Urteilsbegründung eröffnen wollen - also genau das, was sie in ihrer Karrierefixiertheit teilweise verpasst hat.

Früh ist zu ahnen, dass diese Geschichte nicht gut ausgehen kann. Weinend wird Fiona später von “Verschwendung” reden, und es ist nicht ganz klar, welches Leben sie damit meint.

Autor McEwan (gerade ist auch noch die Verfilmung seines Buches “Am Strand” im Kino) hat selbst das Drehbuch zu “The Children Act” verfasst, wie Buch und Roman im Original heißen. Der Film ist ihm nicht ganz so filigran geraten wie die literarische Vorlage, die sich tief in das Denken und Fühlen der Protagonistin versenkt.

Emma Thompson entwickelt eine vielschichtige Figur

Aber das macht gar nichts. Denn die wunderbare Emma Thompson entwickelt ihre Richterin zu einer vielschichtigen Figur: hier die unanfechtbare Expertin im Gerichtssaal, dort die zunehmend an sich selbst zweifelnde (Ehe-)Frau, deren Privatleben aus den Fugen gerät. Innerhalb von Sekundenbruchteilen erleben wir beide Seiten dieses differenzierten Charakters. Nicht nur das Wohl von Adam, auch das von Fiona liegt uns in “Kindeswohl” doch sehr am Herzen.

Von Stefan Stosch / RND

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