Online: 29.08.2018

80. Geburtstag

Das Blut muss spritzen - der Aktionskünstler Hermann Nitsch wird 80

Früher Schreckenskind des Wiener Aktionismus, heute Schlossherr: Der Aktionskünstler Hermann Nitsch feiert an diesem Mittwoch seinen 80. Geburtstag. Wir würdigen ihn in fünf Aktionen.

Es gibt Kunst, die sich ein Betrachter entspannt aus der letzten Reihe heraus anschauen kann, vielleicht mit einem Glas Rotwein. Aber bei manchen Künstlern gibt es kein Entrinnen. Wer die Arbeiten von Hermann Nitsch beobachtet, bleibt kein unschuldiger Beobachter. Am Mittwoch feiert der konsequente Tabubrecher und Provokateur des Wiener Aktionismus seinen 80. Geburtstag. Wir würdigen den österreichischen Künstler in fünf Aktionen.

1. Die erste Malaktion

Der gelernte Grafiker arbeitet ab 1957 am Technischen Museum in Wien. Dort startet Nitsch 1960 seine erste Malaktion. Malen ist für ihn ein sinnlicher Prozess, die Farbe ist Substanz. Er schüttet Farben auf Leinwände, statt sie zu pinseln, er schmiert mit den Händen und läuft über die Bilder. Die Malerei wird zur Performance. Die Malereien werden als “Schüttbilder” bekannt. Seine Aktionen nummeriert er fortan.

2. “Blutorgel” - Aktion in drei Teilen

Mit Adolf Frohner und Otto Muehl tut sich Nitsch 1962 in Wien für die mehrtägige Aktion “Die Blutorgel” zusammen. Der Wiener Aktionismus ist geboren. Erst lassen sich die drei in Muehls Kelleratelier einmauern. Nachdem sie wieder befreit sind, kreuzigen sie ein Lamm, sie zerreißen das Tier. Nitsch wird in Zukunft häufig diese beiden Symbole aufgreifen: die Kreuzigung Jesu, der sich für die Menschheit opfert, und Dionysos, der griechische Gott, der von den Titanen zerrissen wird, nur um später wieder aufzuerstehen und der Gott der Ekstase und des Weins zu werden. Hermann Nitsch will, dass seine brutale, heftige und aufwühlende Kunst den Menschen gereinigt zurücklässt.

3. Verurteilt und gefeiert

Erst wurde Nitsch verurteilt, dann gefeiert: Wegen der Arbeit “Erste Heilige Kommunion” - ein Bild mit Menstruationsbinden - werden Nitsch und sein Galerist 1966 zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Zwei Jahre später geht Nitsch nach Deutschland. Die Kunstwelt feiert den Provokateur: 1972 und 1982 wird der Künstler zur Documenta eingeladen.

Hermann Nitsch bei einer Blut-Performance 2001 in Frankfurt

Hermann Nitsch bei einer Blut-Performance 2001 in Frankfurt. .

4. Das Orgien-Mysterien-Theater

Schon 1957 setzt sich Hermann Nitsch an das Konzept seines Orgien-Mysterien-Theaters. In seinen Festspielen lässt Nitsch Darsteller in weißen Gewändern und mit verbundenen Augen mit Blut überschütten, er hängt sie in Seilen an Kreuze. Die Körper sind nackt, Nitsch zeigt sie in ihrer Schutzlosigkeit, unter Tierkadavern verschüttet. Schlachter töten die Tiere in aller Öffentlichkeit, Darsteller weiden sie aus. Von Nitsch komponierte Musik, die er auf den Urschrei reduzieren will, begleitet die archaischen Aufführungen. Seine Theaterspektakel sind Schlachten und Opferritual zugleich.

Und es sind auch Nitsch-Festspiele. Etwas abseits vom ritualhaften Einreiben pflegt Hermann Nitsch zu stehen. Rauschebart und schwarze Kleidung sind sein Markenzeichen. In Festspiel-Partituren hält er den Plan für die Aktionen fest.

Fast wie selbst ein Jesus scharrt er seine Kunst-Jünger um sich herum und lässt sie sich für ihn im Kunst-Schleim suhlen. 1971 kauft Hermann Nitsch das Schloss Prinzendorf, um an diesem Ort seine Orgien-Mysterien-Theater weiter zu planen. 1998 lässt er dort die “6-Tage-Spiele” aufführen - sein Lebenswerk, wie er selbst sagt.

Hermann Nitsch hat das Schloss Prinzendorf in Österreich 1971 gekauft

Hermann Nitsch hat das Schloss Prinzendorf in Österreich 1971 gekauft. Noch heute lebt er dort.

5. Die 155. Aktion ist in Vorbereitung

Hermann Nitsch ist bis heute ein konsequenter Provokateur. Den konservativen Strukturen der Sechzigerjahre warf er seine blutspritzenden Bilder entgegen. Er hat die Ekelgrenzen weit überschritten. Wer Tabus bricht wie Nitsch, der testet die Grenzen der Gesellschaft aus. Zusammen mit Adolf Frohner und Otto Muehl hat der Künstler das Verständnis gefestigt, dass Kunst alles darf und alles sein kann. Der österreichische Künstler nutzt diesen Freiraum, um Sehgewohnheiten von Teilnehmern und Betrachtern zu brechen. Hermann Nitsch haut so lange drauf, bis es nicht mehr wehtut. Er will nicht das Lauwarme, er will das Absolute: alles oder Nitsch.

Von Geraldine Oetken / RND

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