Online: 01.09.2018

Gastbeitrag

Was unsere Kinder wissen müssen

Brauchen wir im 21. Jahrhundert noch eine Liste von Werken, die jeder kennt? Oder benötigen wir sie gerade heute? Eine gemeinsame Basis des Wissens kann der Kitt sein, der eine Gesellschaft zusammenhält. Ein Plädoyer für einen neuen, zeitgemäßen Kanon.

Muss man heute noch Goethes ”Faust” kennen? Oder die ”Mona Lisa”, Einsteins Relativitätstheorie und das ”Tagebuch der Anne Frank”? Ich meine: ja.

Wir brauchen als Gesellschaft einen Kanon, eine Liste von Werken und Erkenntnissen, die idealerweise jeder kennt. Als Ansporn, um Wissenslücken zu schließen, um darüber nachzudenken, wer wir Deutschen eigentlich sind - vor allem aber, um einen gemeinsamen Bezugsrahmen zu haben, damit wir im Gespräch um Gegenwart und Zukunft nicht aneinander vorbeireden.

Aus zwei Gründen plädiere ich für einen neuen Kanon: Erstens beschränken sich die bisherigen Kanons meist auf die Literatur (viele erinnern sich sicher noch an Marcel Reich-Ranickis Auswahl vom Anfang des Jahrtausends). Dabei gibt es viele bedeutende, bereichernde und instruktive Filme, Gemälde, Sachbücher oder auch Computerspiele, ohne die ein Wissensfundus nicht komplett wäre.

Ein nationaler Kanon muss den Blick in die Welt richten

Und zweitens verändern sich Deutschland und die Welt. Unser Land ist wiedervereinigt, und doch haben sich viele Westdeutsche noch nie mit dem Leben in der DDR befasst. Die Globalisierung bringt die Menschheit näher zusammen; auch ein nationaler Kanon muss also den Blick in die Welt richten, dazu beitragen, China, Russland oder Afrika besser zu verstehen.

Als Einwanderungsland stehen wir vor einer doppelten Aufgabe: Die Neuen müssen sich mit unseren Regeln und unserer Kultur vertraut machen, die Alteingesessenen müssen ihnen dabei helfen und sich ihrerseits darum bemühen, den kulturellen Hintergrund der Migranten zu verstehen. Und zu guter Letzt wird der digitale Wandel unser Land und die Welt so durcheinanderwirbeln, wie wir es uns noch gar nicht vorstellen können.

Deshalb schlage ich einen Kanon des Allgemeinwissens vor, der eine vielfältige Mischung bietet. Werke der Antike gehören für mich dazu, weil sie die Grundlage der europäischen Kultur gelegt haben. Etwa die ”Ilias” und die ”Odyssee” des griechischen Dichters Homer. Wobei ich es für unrealistisch halte, dass sie jedermann in ganzer Länge liest, weshalb ich eine kurze, aber meisterhafte Nacherzählung der beiden Werke von Walter Jens empfehle.

Von der Bibel bis zu ”Minecraft”

Die Bibel gehört für mich dazu, weil man ohne sie viele Kunstwerke, aber auch unsere Alltagskultur nicht verstehen kann. Auch hier empfehle ich eine gelungene Kurzfassung, die des Publizisten Christian Nürnberger. Aber auch moderne Werke wie ”Star Wars” oder ”Harry Potter”.

Sicher gehören Gemälde wie die ”Geburt der Venus” des Renaissancekünstlers Sandro Botticelli oder die ”Buddenbrooks” des deutschen Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann in einen Kanon. Ebenso wichtig sind mir aber zum Beispiel die Filme ”Die Legende von Paul und Paula” von Ulrich Plenzdorf und Heiner Carow und ”Kurz und schmerzlos” von Fatih Akin.

Ersterer, weil er zum kollektiven Gedächtnis der Ostdeutschen gehört, letzterer, weil er für viele Deutsche mit Einwanderungsgeschichte eine Art (natürlich grotesk überzeichneter) Heimatfilm ist. In meinen Kanon gehört auch das Computerspiel ”Minecraft”. Es steht für einen neuen Aspekt unserer Kultur und lädt nebenbei dazu ein, sich am Programmieren zu versuchen.

Gemeinsamer Wissensfundus gegen das Auseinanderdriften der Gesellschaft

Matthias Claudius’ ”Abendlied” gehört für mich zu einem deutschen Kanon des Allgemeinwissens, genau wie unsere Nationalhymne oder das Grundgesetz. Ich finde aber auch, dass jeder wissen muss, wie ein Elektromotor funktioniert. Die beste Erklärung dazu habe ich in einem Video der ”Sendung mit der Maus” gefunden. Deshalb gehört auch dieses Filmchen in meinen Kanon. Wenn es einmal eine instruktivere Erklärung gibt, könnte man die dafür einwechseln. Mein Kanon ist also nicht in Stein gemeißelt, sondern für Veränderungen offen.

Was genau zu einem Kanon dazugehört, darüber lässt sich trefflich streiten. Er kann nicht verordnet werden, sondern muss sich in einer breiten öffentlichen Debatte herauskristallisieren. Ich halte aber einen gemeinsamen Wissensfundus für nötig, um dem Auseinanderdriften der Gesellschaft entgegenzuwirken.

Großorganisationen, die Menschen zusammenführen, wie Kirchen, Gewerkschaften und Parteien, schrumpfen. Viele Familien informieren sich nicht mehr gemeinsam aus der Tageszeitung oder der ”Tagesschau”, sondern die Tochter empfängt die Nachrichten am Smartphone, der Vater im Autoradio und die Mutter am PC.

Wissen ist nicht alles - aber essenziell

Gegen diese Vereinzelung wünsche ich mir, dass möglichst viele Menschen wie an einem Lagerfeuer zusammensitzen und sich Geschichten erzählen. Alte Geschichten, die erklären, wer wir sind und wo wir herkommen. Die Neuen setzen sich dazu und erzählen ihre Geschichten, und so entsteht ein neues Ganzes.

Viele meinen, dass das Wissen in Zeiten von Google an Bedeutung verliert, weil man über die Online-Suchmaschinen schnell jedes gewünschte Faktum findet. Ich halte das für einen Irrglauben. Wer nicht weiß, dass 1789 in Frankreich eine epochemachende Revolution stattgefunden hat, der kann im Internet auch nicht nach deren Anführern suchen.

Wissen ist nicht alles. Aber nur, wer über ein solides Wissensgerüst verfügt, der kann sich aus der Nachrichtenflut das Wichtige und Richtige herausfischen, der kann neue Erkenntnisse einordnen und vermag, die richtigen Fragen zu stellen.

Thomas Kerstan

Thomas Kerstan

Thomas Kerstan ist bildungspolitischer Korrespondent der Wochenzeitung ”Die Zeit”. Soeben ist sein Buch ”Was unsere Kinder wissen müssen. Ein Kanon für das 21. Jahrhundert” (265 Seiten, 20 Euro) in der Edition Körber erschienen.

Von Thomas Kerstan

^ Seitenanfang