Online: 01.09.2018

Speakers' Corner

Ein neues Gedicht für Berlin

Nachdem das umstrittene Gedicht des bolivianisch-schweizerischen Dichters Eugen Gomringer als sexistisch kritisiert wurde, ziert ein Gedicht der feministischen Lyrikerin Barbara Köhler die Fassade der Alice-Salomon-Schule in Berlin. Ein absurder Vorgang, meint unsere Kolumnistin Nina May.


Dies ist die Ballade von Eugen und Barbara: Ein Gedicht der feministischen Lyrikerin Barbara Köhler ersetzt künftig das umstrittene Gedicht des bolivianisch-schweizerischen Dichters Eugen Gomringer an der Fassade der Alice-Salomon-Schule in Berlin. Die spanischen Verse über Frauen und einen Bewunderer hatten Kritiker als Anspielung auf sexuelle Belästigung gewertet, Feministinnen sangen eine Hymne auf die Gleichberechtigung. Besorgte Bildungsbürger hingegen beklagten in Elegien die Kunstfreiheit. Es half nichts.

Jetzt sind auf der Hauswand neue Zeilen zu lesen. Köhler greift den Rhythmus der skandalösen Ursprungszeilen auf, ein Lehrgedicht über die Wirkungsmacht von Sprache: “SIE BEWUNDERN SIE / BEZWEIFELN SIE ENTSCHEIDEN: // SIE WIRD ODER WERDEN GROSS / ODER KLEIN GESCHRIEBEN SO // STEHEN SIE VOR IHNEN / IN IHRER SPRACHE // WÜNSCHEN SIE IHNEN / BON DIA GOOD LUCK”.

Es geht hier um Wörter, auch wenn der Begriff nicht fällt. Wörter, die unterschiedliche Emotionen auslösen - so wie in der Gomringer-Debatte. Subjekt und Objekt sind jeweils schwer zu identifizieren. Wie bei einem Palimpsest - einem mittelalterlichen Schriftstück, von dem die ursprünglichen Wörter abgeschabt sind - hat Köhler die alten Verse überschrieben, die jedoch auf metaphorischer Ebene noch durchscheinen. Das Ende mag dem Betrachter spanisch vorkommen, tatsächlich aber stammt “Bon Dia” aus dem Katalanischen. So betont die Lyrikerin die Eigenständigkeit von Sprache(n).

Das Gomringer-Gedicht ist übrigens nicht vollends verschwunden. Es bleibt auf einer Edelstahlplakette vor der Fassade zu lesen, quasi als Fußnote zu Köhlers Gedicht. Das ergibt in etwa so viel Sinn wie die Nonsensegedichte der Dadaisten.

Von Nina May

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