Online: 01.09.2018

Kolumne

Musik liegt in der Luft (IX)

A cappella, das muss Musik für schlechte Zeiten sein, für Krieg, Pest oder Unwetter. Warum in aller Welt sollten Menschen sonst Instrumente mit dem Mund nachmachen?

Man könnte denken, a cappella sei Musik für schlechte Zeiten. Wenn durch Krieg, Pest oder, gerade wieder ganz heiß im Kommen, Feuersbrünste alle Instrumente zerstört sind. Oder wenn Aliens - offiziell aus Unkenntnis, inoffiziell aus reiner Doofheit - gefährlich anmutende Musiziergeräte wie Fagott, Kontrabass, Tuba oder Mundorgel gerummsdingst oder anderweitig zum Verstummen gebracht haben.

Genau dann kommen Menschen auf die Idee, Instrumente mit dem Mund nachzumachen. Denn warum sollten sie es tun, wenn es die Instrumente zu kaufen oder zu leihen gibt?

Kunst, heißt es offiziell. Und bei Tuba und Kontrabass mag es die Unlust sein, diese Dinger zu transportieren. Im Konzert steht man dann irgendwo hinten, weil man sonst seine Mitspieler abschattet bis hin zur totalen Geigerfinsternis.

Das ineffizienteste aller Instrumente

Und hinterher ist man als Kontrabassist enttäuscht, dass nicht nach Ins­trumenten­gewicht applaudiert wird. Also: Kein Bock mehr, ab zur A-Cappella-Band, nix mehr schleppen, dumdidum singen und schön vorn stehen - so könnte es sein.

Aber wenn es so ist, bleibt die Frage, warum der A-cappella-Boom am Alphorn komplett vorbeigeht. An diesem ineffizientesten aller Instrumente. Vier Jahre Bauzeit, mit dem DHL-Schwertranssporter zum Kunden und dann Montag reinblasen, damit Mittwoch ein Ton kommt.

Es gibt sogar Jazzalphornisten. Die treten in winzigen Clubs auf, das Horn reicht bis in die letzte Reihe, und wenn einer im Dunklen vom Bierholen kommt und versehentlich im Trichter steht, fällt es nicht mal auf, weil es klingt wie ein Dämpfer, wie Miles Davis auf der Zugspitze.

Leichenwagen oder Banküberfall?

Schon die Beförderung von Alphörnern scheint aus Laiensicht abschreckend. In gedritteltem Zustand und geschlossenem Transport sieht es entweder nach Leichenwagen (Koffer) oder Banküberfall mit schwerem Geschütz (Tasche) aus.

Der offene, geschulterte Transport am Stück wirkt so gefährlich, dass vor dem Alphornunterricht erstmal ein Alphornführerschein ratsam wäre. Wie viele ihrer wenigen potenziellen Zuschauer mögen Alphornanfänger schon durch ungeschicktes Verhalten vor dem Konzert verloren haben?

Ein Alphorn - nichts für Träumer. All das wäre ein Grund für eine Alphorn-A-cappella-Band. Mit Mikrofonen in Hornform. Die Aliens würden es lieben.

Von Uwe Janssen

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