Online: 01.09.2018

Spieletest

Sagen Sie jetzt nichts: ”The Mind” im Spieletest

Spiele rufen Emotionen hervor: Da gibt es Freude, Ärger, Eifersucht, Furcht, aber auch Komik. Wer deren unterschiedlichste Formen kennenlernen möchte, ist gut beraten, ”The Mind” an den Tisch zu bringen.

Wer damit beginnt, ”The Mind” zu erklären, erntet als erste Reaktion oft zunächst einmal Gelächter, weil die in diesem Kartenspiel zu erledigende Aufgabe so banal klingt. In der ersten Runde, dem ersten Level, bekommt jeder Spieler eine Karte, in der zweiten zwei, in der dritten drei und so weiter. Diese müssen nun in der richtigen Reihenfolge, nämlich aufsteigend, abgelegt werden.

Dann folgt ungläubiges Gelächter, wenn die Spieler erfahren, dass sie das tun sollen, ohne in irgendeiner Form miteinander zu kommunizieren. Kein Reden über die Zahlenwerte, kein Augenrollen, keine Fingerzeichen sind erlaubt, gar nichts. Das soll funktionieren?

Die Spieler ”synchronisieren” sich

Wenn schließlich die Erklärung folgt, wie das wiederum funktionieren soll, bricht vor allem bei rationalen Geistern ein spöttisches Gelächter hervor, einfach, weil die Anleitung an diesem Punkt nach esoterischem Quatsch klingt: Die Spieler mögen sich vor Rundenbeginn miteinander ”synchronisieren”. Das tun sie, indem jeder eine Hand auf den Tisch legt und wieder hebt, wenn er meint, so weit zu sein.

Dann folgen die restlichen Regeln; so viele sind es nicht. Dass anfangs je nach Spielerzahl jeder Spieler eine bestimmte Anzahl Leben erhält, von denen die Gruppe eines verliert, sobald Karten falsch gelegt werden. Und dazu noch Ninja-Sterne, die es jedem Spieler erlauben, seine niedrigste Karte abzulegen.

Ein Spielgefühl, wie es sonst keines gibt

Das Spiel geht los. Aus Ungläubigkeit erwächst Faszination. Weil es nämlich funktioniert. Weil die Spieler ein Gespür dafür bekommen, wie die anderen ticken. Weil sie lernen, wie unterschiedlich Langmut und Ungeduld und vor allem Zeitgefühl verteilt sind. Aus winzigsten Regungen entstehen wortlose Kommunikation, Einklang, aber vor allem ein Spielgefühl, wie es sonst keines gibt.

Wobei: Spielgefühl? Die Szene hat viel darüber diskutiert, ob es sich bei ”The Mind” überhaupt um ein Spiel handelt und nicht etwa um ein gruppendynamisches Experiment. Doch alle Merkmale eines Spiels sind da: Es gibt Regeln, es gibt ein Ziel, es gibt sogar taktische Optionen, insbesondere beim Einsatz der Ninja-Sterne. Diese helfen nämlich nicht nur dabei, die Kartenhand zu leeren, die abgelegten Karten lassen auch Rückschlüsse auf die verbliebenen Werte im Spiel zu.

Dann entsteht schließlich, wenn es funktioniert, wenn die Spieler tatsächlich sehr hohe Level erreicht haben, das vielleicht schönste Gelächter dieser Partie: das der Euphorie.

The Mind

The Mind

Wolfgang Warsch: ”The Mind”. Nürnberger-Spielkarten-Verlag, für zwei bis vier Spieler ab acht Jahren, etwa 10 Euro.

Von Stefan Gohlisch

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