Online: 02.09.2018

Porträt

Die Traurigkeit der Sophie Hunger

Die fabelhafte Schweizer Musikerin Sophie Hunger hat ihren Sound verändert. Sie macht jetzt elektronischen Space-Pop. Auf ihrem neuen Album ”Molecules” verarbeitet sie die eigene Trennung, die sie so hart traf, dass sie entgegen ihren Prinzipien sogar öffentlich darüber spricht.

Sophie Hunger hat ihre eigene Regel Nummer drei gebrochen. ”Erkläre nie dich selbst oder deine Arbeit.” Der Leitfaden, den die Schweizer Singer-Songwriterin ”The Rules of Fire” nennt, umfasst zehn Richtlinien, die Musiker unbedingt beachten sollten. Sie dienen dazu, künstlerische Unabhängigkeit zu wahren.

Die 35-Jährige will ihrem Publikum weder gefallen noch eine Trösterin sein, sondern lieber wie Bob Dylan, der sich dagegen wehrt, vereinnahmt zu werden, und der auch über eigene Befindlichkeiten keine Auskunft gibt. Hunger sieht in Dylan eine Art Lehrer. Es geht immer um den Song, nicht um den Songwriter.

Nun hat sie schon vor Erscheinen ihres sechsten Albums ”Molecules” offenbart, dass das Lied ”There Is Still Pain Left” ihre eigene, gescheiterte Beziehung beschreibt. ”Es geht darum, mit jemandem zusammen zu sein, der depressiv ist, der von Dunkelheit angezogen ist, als wäre es eine olympische Disziplin, bereit, alles andere dafür zu übersehen, also mich”, heißt es im Pressetext.

Abschied von einem Lebensentwurf

Hunger verließ den Mann und seine beiden Kinder im Sommer 2017. Sie habe sich von einem ganzen Lebensentwurf verabschiedet, erzählt sie mit trauriger Stimme, von der Idee, den Richtigen gefunden zu haben. Lange habe sie gedacht: Das sei jetzt für immer. Und dann? Dann zerfalle alles in seine Einzelteile, sagt sie. Dann frage man sich: Was macht man jetzt damit? Wo geht man jetzt hin?

Hunger lebt seit fünf Jahren in Berlin. Nach dem Auszug aus der gemeinsamen Wohnung verbrachte sie zwei Monate in London, um die neuen Songs aufzunehmen. Hat das geholfen? Hat sie dabei Trost gefunden? ”Nein, ich glaube nicht.” Wir sitzen an der Spree. Sightseeingschiffe transportieren Hauptstadttouristen an unserer Bank vorbei. Lautsprecherstimmen erklären das Regierungsviertel. Hunger erklärt ihre Lieder.

Nach jeder Frage nimmt sie sich Zeit zum Nachdenken, es entstehen Pausen, die angenehm sind. Ihre Hände sprechen manche Sätze mit, als wolle sie bestimmte Passagen besonders betonen oder einen Punkt setzen. ”Die Trennung nahm einen so großen Platz ein, dass man das nicht verheimlichen konnte.” Sie sagt nicht ”ich”, sondern ”man”, als könnte sie sich hinter diesem kurzen Wort verstecken.

Der Sender arte bezeichnete Sophie Hunger als ”die wahrscheinlich wichtigste Musikerin des europäischen Festlandes”

Der Sender arte bezeichnete Sophie Hunger als ”die wahrscheinlich wichtigste Musikerin des europäischen Festlandes”.

Ihre Trennung thematisiert Hunger in mehreren Songs. ”Wer ist der Mann an meinem Fenster, der wie ich hinausschaut?”, singt sie beispielsweise in ”That Man”. Es ist ein Mensch, der ihr gleichermaßen vertraut und fremd erscheint. So wie Hunger klingt jemand, der sich zu zweit allein fühlt. ”Zeit heilt nichts”, singt sie auch.

Hunger, die ihre Lieder bisher in vier Sprachen aufnahm, singt auf ”Molecules” nur auf Englisch. Sie wollte schon immer eine rein englischsprachige Platte machen, sagt sie. Sie verzichtete jedoch nicht nur auf Schweizerdeutsch, Hochdeutsch und Französisch, sondern auch auf die gewohnte instrumentale Vielfalt. Ihr Konzept sah nur Synthesizer, programmierte Beats, Gitarre und Gesang vor. ”Ich durfte nicht abweichen.”

Warum so konsequent? Sehnte sie sich nach einer klaren Struktur in einer komplizierten Zeit? Nach Ordnung im Chaos? Fungierte ihr striktes Elektro-Pop-Konzept wie ein Geländer, an dem sie sich selbst festhalten konnte? ”Nein”, antwortet sie. Pause. Dann korrigiert sie sich. ”Ja, vielleicht.”

Subtil, störrisch und schön

Hunger nennt ihren neuen Sound ”minimalen elektronischen Folk”. Er erinnert mal an Portishead, mal an Massive Attack, mal an OMD, vor allem aber an die Space-Rock-Erneuerer Radiohead, die Band, die sie mit 16 bewunderte. Sie habe damals sogar versucht, ein Augenlid hängen zu lassen, um Sänger Thom Yorke zu imitieren, behauptete sie mal in einem Interview mit der ”Zeit”.

So ausgefallen wie diese Aussage ist auch ihre Musik. Ihr gelingen wundersame Songs, die zugleich subtil, störrisch und schön sind, komplex und elegant, melancholisch und leicht, Punk und Walzer. Der Sender arte bezeichnete sie deshalb als ”die wahrscheinlich wichtigste Musikerin des europäischen Festlandes”.

Andere nennen sie ”Ausnahmekünstlerin” oder ”Phänomen”. Die 35-Jährige mag solche ”Übertreibungen” nicht. ”Jeder findet sich doch selbst banal”, sagt sie, zumal sie ”einen latenten Komplex” habe. Auf dem Gebiet der Literatur, dieses Fach hat sie studiert, gesteht sie sich ”eine gewisse Kompetenz” zu. ”Musik dagegen habe ich nicht gelernt.” Plagen sie Selbstzweifel? ”Unsicherheit”, sagt Hunger. Deshalb sind ihre Ansprüche an sich selbst noch weit höher als die von Fans und Feuilleton. Deshalb sei sie besonders streng zu sich. Deshalb gibt sie sich mit Banalem nicht zufrieden.

Vergiftung der Welt durch Egoismus

Hunger bemüht sich, unbenutzte Worte oder Formulierungen zu finden, um die Suche nach Liebe und Sinn und das Scheitern zu beschreiben. ”Was wär' ich geworden, gäb' es dich nicht?”, fragte sie schon in ihrem Song ”Walzer für niemand”, mit dem sie vor zehn Jahren erstmals aufhorchen ließ. ”I will start a clever hashtag trend: #ohwemostlygrowbydying”, singt sie nun. Beginnt Sterben schon mit der Geburt? ”Molecules” ist eine wahrhaft traurige Platte.

Hunger ist keine Dienstleisterin. Sie macht es ihrem Publikum nicht leicht. Wieso nur singt sie jetzt über ”Moleküle” und ”Atome”? Es sind, sagt sie, ungewöhnliche, in Popsongs selten verwendete Worte - und die kleinsten Teilchen des großen Ganzen.

Will sie ihre Trennung, das Zerbrechen ihres Lebensentwurfs auf chemische Reaktionen zurückführen, ganz rational, genauso die zunehmende Vergiftung der Welt durch Egoismus? Warum nicht. Andere machen das Schicksal, Gott, irgendein System oder den Lauf der Dinge dafür verantwortlich. Hunger hat sich extra Physikbücher gekauft, bevor sie die neuen Songs schrieb.

Sophie Hunger

Sophie Hunger: ”Molecules”

Manche Worte wie ”Liebe” schmecken schon im Mund faul. Sie singt lieber ”Nitroglycerin”, wie in ”Tricks”. Mit dem Song hält sie skrupellosen Narzissten wie Trump einen Spiegel vor. ”Wenn alle deine Träume wahr geworden sind, was wirst du dann tun?” Auf dem ganzen Album klingt ihre Stimme, als fühle sie sich ziemlich fremd im Jahr 2018, als sehne sie sich nach Ausbruch, nach mehr als einer Sound-Veränderung.

Ortswechsel ist die Diplomatentochter von klein auf gewohnt. Vielleicht ist sie deshalb eine fahrende Sängerin geworden. Den Begriff ”Zuhause” hat sie mal als ”Erpressungsversuch” von Eltern und Liebhabern bezeichnet, sie bloß nicht zu verlassen. Wie einer Streunerin fällt es ihr nicht schwer weiterzuziehen. ”Wenn nötig, könnte ich meinen Namen erneut ändern”, singt sie.

Hunger ist der Mädchenname ihrer Mutter. Bleibt Emilie Jeanne Sophie Welti-Hunger, wie sie mit vollem Namen heißt, in Berlin, wo sie es sich eigentlich gut eingerichtet hat? Sie hat dort sogar ein eigenes, kleines Studio. Oder muss sie bald wieder los? ”Ja, das ist jederzeit möglich”, antwortet sie. ”Ich muss ja niemanden fragen.” Ist sie auf der Suche oder auf der Flucht? - ”Beides. Sind wir das nicht alle, die ganze Zeit?” - Viele Menschen warten. - ”Ja, warten gibt es auch. Stimmt.”

Von Mathias Begalke

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