Online: 02.09.2018

DVD-Tipps

”Molly's Game” und mehr DVD-Tipps

Von Rooney Mara als unbeirrbare Apostelin Maria Magdalena bis zu Guillermo del Toros märchenhaftem ”Pans Labyrinth”, von Klassikern von Billy Wilder und Stanley Kubrick bis zu Riesenrobotern, die gegen Alienmonster kämpfen, und von einem misslungenen Nina Simone-Biopic bis zu Aaron Sorkins Regiedebüt: die Filmtipps von Matthias Halbig.


Maria Magdalena. Die Augenzeugin von Jesu Kreuzigung und Auferstehung, die schon im frühen Mittelalter von Papst Gregor I. absichtsvoll mit der Figur der fußwaschenden Sünderin im Evangelium nach Lukas gleichgesetzt wurde (was die Heilige zur Hure machte) wird in diesem Film von Regisseur Garth Davis gründlich rehabilitiert.

Rooney Mara spielt - durchaus in Einklang mit dem Magdalenenbild des amtierenden Papstes Franziskus - eine willensstarke, unbeirrbare Maria Magdalena, die sich mehr vom Leben erhofft, als patente Hebamme zu sein in Palästina, sich mit einem Fremden verheiraten zu lassen, zu leben im Einklang mit den Traditionen. Ein feministisches Statement ist dieser Film insofern, als seine Titelfigur sich in einer engen, patriarchalischen Gesellschaft durch keine Vorschrift und Strafe von ihrem Weg der Selbstbestimmtheit abbringen lässt. Sie trifft in Jesus einen warmherzigen, guten Mann, der seinerseits mit humanistischen Ideen das Bild eines gewaltbereiten und rachsüchtigen ”männlichen” Gottes stürzt.

Neue Männer braucht die antike Welt, um neue Frauen zu ermöglichen - das ist der realistische Kinken an der Geschichte der Maria aus Magdala und zugleich der bittere Vorwurf gegen die Frauenfeindlichkeit der Katholischen Kirche bis heute, die sich hier in den zornigen Worten des Simon Petrus (Chiwetel Ejiofor) manifestiert. Dass sich die Apostelin dabei in den charismatischen Menschenfischer Jesus verliebt, schwächt ”Maria Magdalena” kein bisschen.

Joaquin Phoenix ist ein von seiner Position als Wortführer gequälter, von seiner Botschaft erfüllter Messias, der dem Zuschauer (trotz des deutlich zu hohen Alters des großartigen Darstellers) die grundsätzliche Großartigkeit der Christusidee neu bewusst werden lässt, ohne sich dabei dem Zuschauer missionarisch aufzudrängen. Die leuchtenden Roben, die glutvollen Himmel, mit denen das Überwältigungskino der Fünfzigerjahre den Bibelfilm ausstattete, fehlen hier völlig. Karge Landschaften, blasse Gewänder, darin überzeugende Darsteller und guter Text, der von allen Heutigen Liebe und Empathie fordert. Mehr braucht es nicht.

Maria Magdalena

Maria Magdalena

Der Glückspilz. Der Footballspieler Luther ”Boom Boom” Jackson (Ron Rich) stürmt wie gewohnt dem Ball hinterher und prallt dabei mit voller Wucht gegen den CBS-Kameramann Harry Hinkle (Jack Lemmon). Dass sich statt einer kleinen Entschuldigung und einem ”Schwamm drüber” eine funkensprühende Geschichte über Bescheidenheit und Gier, Ehrlichkeit und Lüge entwickelt, ist dem Anwalt William Gingrich alias ”Fisimatentenwillie” zu verdanken, der seinen Schwager Harry überredet, eine schwere Rückenverletzung vorzutäuschen, um von der Versicherung eine hohe Entschädigung erstreiten zu können.

Als lebender Appell an Harrys Ehrlichkeit tritt der gutmütige ”Boom Boom” in sein Leben, der seine ”Schuld” als Genesungshelfer abarbeiten will. Die untreue Ehefrau (Judi West) kehrt scheinbar reumütig zurück, weil sie Reichtum wittert. Und im Haus gegenüber versucht ein mit obskurem Hitlerbärtchen bestückter Detektiv der Versicherung (Cliff Osmonds, Harry des Betrugs zu überführen.

Bis zu Harrys heulsüchtiger Mutter (Lurene Tuttle) hat Regisseur Billy Wilder diese Räuberpistole knallig besetzt. Matthau, dessen Karriere mit diesem Film in Schwung kam, liefert mit seiner comichaften Darstellung des schmierig-verschlagenen Winkeladvokaten die (erste und) beste Leistung seiner vielen Matthau/Lemmon-Kinoduette. Bis zum Sieg des Anstands ist ”Der Glückspilz” von 1966 (im Original sinniger ”Der Glückskeks” betitelt) eine Komödie, die immer noch bestens funktioniert. Wohl eine der besten aller Zeiten.

Der Glückspilz

Der Glückspilz

Pans Labyrinth. Die Geschichte einer Prinzessin aus einem Königreich unter der Erde, die aus Neugier zur Oberwelt hochstieg, wo sie unter die Menschen geriet und alles über ihre frühere Existenz vergaß. Der zufällige Fund eines Augensteins, die daraus resultierende Begegnung mit einer Gottesanbeterin, die eigentlich eine Fee ist, bringt die Königstochter - die in der Menschenwelt das Stiefkind eines Offiziers des faschistischen Diktators Franco ist - wieder in Kontakt mit dem magischen Reich, das seit langem auf ihre Rückkehr wartet. Der widderhörnige Gott Pan stellt ihr drei gefährliche Aufgaben, von deren Lösung abhängt, ob sie noch magisch genug ist für die Krone ihres Reiches.

Diese märchenhafte Erzählung verbindet der mexikanische Regisseur Guillermo del Toro in seinem Meisterwerk ”Pans Labyrinth” mit der Entmenschung des Menschen durch den Faschismus. Der Franco-Scherge Vidal (Sergi López) stellt in seiner Kälte und Brutalität, mit der er einer unmenschlichen Idee folgt, den Bruch mit Christentum, Humanismus und Zivilisation dar. Seinen Selbsthass kompensiert er mit äußerster Gewalt, seine hochschwangere Frau schont er nur für den Fortbestand der soldatischen Härte in seinem ungeborenen Sohn.

Mutter und Brüderchen zu retten, ist dagegen der Auftrag, den die kleine Ofelia alias Prinzessin Moanna (Ivana Baquero) sich selbst stellt. Del Toros Geschichte handelt vom Schutz der Nächsten, vom Kampf der Kinder gegen den Tod der Eltern, ähnlich wie im Roman ”Der Talisman” von Stephen King und Peter Straub und zuletzt in den Filmen ”Sieben Minuten nach Mitternacht” und ”I Kill Giants”.

Pans Labyrinth

Pans Labyrinth

Lucky. Der Cowboy Lucky ist 90 Jahre alt, geht stoisch seinen täglichen Routinen nach: Yoga am Morgen, Gameshows im Fernsehen, Kaffee im Diner, Milch- und Zigarettenkaufen im Supermarkt des kleinen texanischen Städtchens, abends noch eine Bloody Mary und ein paar Gespräche in der Bar. Eines Tages kippt er um, einfach so - eine ”Alarmglocke”, die ihm spät seine Endlichkeit bewusst macht. Und von dieser Stunde an lebt Lucky auf seinen Tod zu, mit einer ”Scheißangst”, die ihm in den Knochen steckt und die er dort wieder herausholen will.

Harry Dean Stanton, der Star aus “Paris, Texas” und - in Nebenrollen - Veredler zahlloser Filme macht auch seinen letzten Streifen durch sein berührendes Spiel zur Sensation. Lucky wandert auf krummen Cowboybeinen durch sein kleines, verwittertes, altes Amerika, hinein in seine Vergangenheit, in die Fotografien seiner Kindheit und Jugend, seine Erlebnisse im Krieg. Und taucht in der Gegenwart auf, als er eine Einladung zum zehnten Geburtstag Juans annimmt, des Sohns der Supermarktbesitzerin, wo ihm im Absingen eines Mariachi-Liedes die Erkenntnis seiner Einsamkeit aufs Gesicht tritt.

Viel passiert nicht in diesen aufregenden Film, dass Präsident Roosevelt verschwindet, die 100jährige Landschildkröte eines Freundes (David Lynch), ist schon der größte Thrill. Aber man kann den Blick nicht abwenden von Lucky und eine Mundharmonika spielt dazu immer wieder den traurigen Countrysong vom ”Red River Valley”. ”Nur die Wahrheit zählt”, gibt John Carroll Lynchs Held uns dann am Ende noch mit auf den Weg.

Lucky

Lucky

Pacific Rim - Uprising. Die Story des zweiten Maschinen-gegen-Monster-Films ist so schlicht (und schwachmatisch) wie die des ersten: Punkt. Punkt. Komma. Strich - fertig ist das Sci-Fi-Gezücht. Titanisch große Bestien, die über eine ”Bridge” aus einer anderen Dimension kamen, kämpften im Vorgängerfilm gegen menschengesteuerte Riesenroboter. Jetzt taucht ein aggressiver Robot auf, der offenbar von einem Alienhirn gesteuert wird. Als Nächstes werden die neuartigen Drohnen-Mammutbots der Menschen von einem Alien-gelenkten Saboteur umprogrammiert und öffnen neue ”Bridges”, durch die neue Monster kommen. Und: Action!

Ein Spielzeugfilm, diesmal nicht unter Regie des Oscar-Preisträgers Guillermo del Toro sondern von Steven S. DeKnight, der bislang einzelne Folgen von Serien wie ”Daredevil” und ”Smallville” gedreht hat und in seinem Kinodebüt auf Schauwerte, Lockersprüche und cool wirkendes Personal setzt. Jake (”Star Wars”-Star John Boyega), Sohn des gefallenen Kriegshelden Stacker Pentecost (Idris Elba)und Amara (Cailee Spaeny),eine talentierte Independent-Schrott-Bot-Bauerin, werden zwangsrekrutiert für die irdischen Abwehrtruppen und bilden nach Anlaufschwierigkeiten ein effektives Steuerteam, das nach dem Ausfall der ferngesteuerten Robot-Einheiten auch mehr als dringend benötigt wird.

Die Rekruten zanken und mobben einander, die Ausbilder sind hart, aber beschwören die Notwendigkeit der soldatischen ”Weltfamilie”. Und die Hauptfiguren geben die dramatischen Höhepunkte ihres Lebens und ein wenig Seele preis, um Identifikationspotenzial zu schaffen. Trotzdem fliegt hier vor allem das Blech weg, Monster gehen zu Klump und Nichteingeweihte verstehen nur Weltraumbahnhof.

Pacific Rim - Uprising

Pacific Rim - Uprising

The Killing. Straff und spannend - die Geschichte eines Raubzugs, die Stanley Kubrick in seinem ersten ”richtigen” Film über 85 Minuten straff abspult. Der Profiverbrecher Johnny Clay will mit einer Gruppe Normalos (alle in Geldnöten) die Tageskasse einer großen Pferderennbahn rauben - zwei Millionen Dollar.

Alles wird perfekt vorbereitet, der Plan zum schicksalhaften siebten Rennen dem Zuschauer nur sukzessive enthüllt. Die Kräfte des Gelingens ziehen schließlich ins Verbrechen und die nicht minder kriminellen, allerdings chaotischeren Kräfte des Vermasselns kommen ihnen in die Quere.

Sterling Hayden, ein Schauspieler, der seinen Beruf zeitlebens eher als Bürde empfand, spielt den Kopf der Bande eindrucksvoll als hartgesottenen Gangster, ”The Killing” von 1956, inszeniert im Film-noir-Stil, war nur ein schmaler Erfolg, brachte Kubrick aber die finanzielle Grundlage für das Weltkriegsdrama ”Wege zum Ruhm” ein, mit dem seine Karriere zwei Jahre später Fahrt aufnahm.

The Killing

The Killing

Topkapi. Ein Meisterdieb und eine Gruppe unterschiedlich talentierter Ganoven schafft das Unmögliche - einen perfekt gesicherten Schatz zu entwenden. Mit ”Topkapi” drehte Jules Dassin 1964 die Komödienversion seines eigenen Heist-Klassikers ”Rififi” (1955) und schuf damit neuerlich einen Filmhit. Der auf den Zuschauer 54 Jahre später allerdings etwas überkandidelt und angestrengt wirkt.

Die Komödianten im Cast, Robert Morley und Peter Ustinov (der für die Rolle des stets zerstreut und glücklos wirkenden ”Doppelagent”-Ganoven Arthur den Oscar bekam), spielen ihre Parts mit der gebotenen Lässigkeit, Maximilian Schell als James-Bond-Verschnitt wirkt dann schon wesentlich verkrampfter, und Melina Mercouri als Bandenchefin Elisabeth erledigt jeden ihrer Auftritte so, als erwarte sie dafür Szenenapplaus. In Istanbul wollen sie sich (mit einigen Spießgesellen) den berühmten, mit Riesensmaragden besetzten und im Museum perfekt gesicherten Topkapi-Dolch unter den Nagel reißen.

Und im Lauf der Vorbereitungen und vor allem bei der Ausführung entwickelt der Film dann doch noch die Eleganz, den Hitchcocks ”Über den Dächern von Nizza” (1955), Blake Edwards’ ”Der rosarote Panther” (1963) und Steven Soderberghs Remake von ”Ocean's 11” (2011) über die volle Distanz hatten. Der Coup selbst ist immer noch ein Bringer und inspirierte Brian DePalma vor 22 Jahren zum ersten Kinoauftritt von ”Mission: Impossible”.

Topkapi

Topkapi

Wonder Wheel. Humpty (James Belushi) ist zufrieden mit seinem kleinen Leben, überall ist er ”mittendrin”, er ”lebt” sogar sein Frühstück. Er hat Ginny (Kate Winslet) einst aus einer Notlage gerettet, statt Film- oder Bühnenstar ist sie eine Kellnerin mit alten, traurigen Träumen geworden, ihr Blick geht von der äußeren Fremde in die innere Ferne. So begeht sie den Fehler ihres Lebens ein zweites Mal, verliebt sich in den jungen Bademeister Mickey (Justin Timberlake), der zwischen Flirts und Strandquickie ihre Vorstellungskraft befeuert mit der weiten Welt, der großen Kunst, den verpassten Chancen.

Könnte er (der sich immer wieder dem Publikum als Erzähler andient) tatsächlich ein Stück für sie schreiben, mit dem sie dann als Virginia DeLorean wieder ins Rampenlicht zurückkehrt? Zwei unterschiedliche Zukunftsvisionen: Eine reife Bettgefährtin für den Sommer gegen eine Fluchtmöglichkeit für immer aus dem zu engen Sein auf Coney Island, der Zerstreuungsmeile, mit der es bergab geht.

In diese Konstellation grätscht Regisseur Woody Allen noch zwei Galgenvögel hinein, die die weggelaufene Ehefrau ihres Mafiabosses suchen - Carolina (Juno Temple), Humptys Tochter aus erster Ehe, die vor dem Mobster zu ihrem Vater geflohen ist, um neu anzufangen. Humpty belügt die Mafia, und das ist für den Zuschauer ähnlich beunruhigend wie Ginnys Sohn Richie (Jack Gore) aus erster Ehe, der die Schule schwänzt, um Feuer zu legen - in einem Film, in dessen rotem Sonnenuntergangslicht bald Ginnys Eifersucht aufsteigt und in dem überall die Krisengluten glimmen.

Denn bald macht Mickey auch noch Carolina den Hof. Allen würzt sein Drama über das wahre Leben, dessen ”glory days” keine Comebacks kennen, mit muckeligen Popsongs aus den Jukeboxen von 1950. Und mit kleinen Dosen seines Humors, bis schließlich alles tragisch bewölkt ist und die Blitze des Herzens unheilvoll zucken.

Wonder Wheel

Wonder Wheel

Molly's Game. Aaron Sorkin destilliert in seinen Drehbüchern schon lange Wirklichkeit zu spannenden, thrillerartigen Erzählungen, zu Fernsehserien wie ”The West Wing” und ”Newsroom” und Filmen wie ”Eine Frage der Ehre” und - dafür wurde er mit dem Oscar gekürt - ”The Social Network”. ”Molly's Game” ist sein Debüt als Regisseur.

Er verdichtet darin die wahre Geschichte der jungen Molly Bloom, ihren unglaublichen Weg von einer Olympischen Skiläuferin zur schwerreichen, betäubungsmittelabhängigen und schließlich vom Gesetz verfolgten Veranstalterin von großen Pokerrunden in Hotelzimmern. Ihr Anwalt versucht alles, sie vor dem Gefängnis zu bewahren.

Was Sorkin auf eine faszinierende Weise abspult, ist das Porträt einer starken Frau, die es im Grunde ihrem dominanten Vater, der sie knallhart konditioniert hat, zeigen will. Die, obgleich sie sich von ihm losgesagt hat, nicht von ihm loskommt. Gespielt wird Sorkins Heldin von einer wie gewohnt alle Aufmerksamkeit absorbierenden Jessica Chastain. Neben ihr sind Idris Elba als ihr Anwalt und Kevin Costner als ihr Vater zu sehen.

Dessen Psychoanalyse seiner Tochter in drei Minuten erscheint lächerlich einfach und ist am Ende die einzige überflüssige Szene dieses dramatischen Biopics, der neben Norman Jewisons ”Cincinnati Kid” (1965) und Robert Rossens ”Haie der Großstadt” (1961) zu den besten Zockerfilmen zählt. ”Aussteigen ist keine Option” sind dabei Mollys beunruhigenden letzten Worte, bevor der Abspann läuft. Die Botschaft des Films: Wo ein Wille ist, ist zwar auch ein Weg, allerdings ist der nicht immer zu empfehlen.

Molly's Game

Molly's Game

Nina. Das Beste an diesem Biopic ist sein Gegenstand: Nina Simone, eine afroamerikanische Jazzsängerin für die Gleichheit der Menschen, die die USA Richtung Europa verließ aus Protest gegen den anhaltenden Rassismus in ihrer Heimat, gegen den Menschenhass als Fortsetzung der Sklaverei. Übrig geblieben ist von dieser faszinierenden und unglücklichen Frau im kollektiven Gedächtnis nur der schlendernde Oldie ”My Baby Just Cares For Me”, im Bewusstsein der Jazzliebhaber dagegen eine ganze Reihe atmosphärisch dichter Alben.

Der Film fügt dem nichts hinzu. Zoe Saldana, im Star-Status seit James Camerons ”Avatar”, dringt nicht allzu tief in ihre Rolle ein. Sie traut sich zu, selbst zu singen und scheitert daran. Sie traut sich zu, eine Frau in den Sechzigern zu spielen und wirkt wie eine Frau in den Dreißigern mit Altersschminke. Sie hat ihre Haut verdunkelt und ihre Nase prosthetisch verbreitert für diese Rolle, die die ihres Lebens hätte sein können.

Leider ist das Drehbuch dürftig, das gesprochene Wort wirkt oft unfreiwillig komisch und die Regie versteht unter Schauspielführung, David Oyelewo nutzlos herumstehen und -sitzen zu lassen, und Saldanas Mundwinkel auf Südstellung einrasten zu lassen, was immerwährenden Zorn bedeutet. Tina Turner, Ray Charles, James Brown und Johnny Cash haben tolle Biopics bekommen. Ein guter Film für Nina Simone lässt weiter auf sich warten.

Nina

Nina

Lego DC Comics Super Heroes: The Flash. In der Noppenwelt der bewegten Legomännchen (und -weibchen) tritt offen zutage, was die Superhelden-Realfilme je nach Drehbuchqualität zu kaschieren vermögen: Wie albern kostümierte Spezialkraftinhaber doch eigentlich sind. In ihren pummeligen Plastikversionen kontern die DC Comics-Superhelden ihre Lächerlichkeit mit einer der effektivsten Superkräfte: Selbstironie in Hochdosierung.

Das macht die an den Capes herbeigezogene Story von ”The Flash” wett. Nach einem Prolog mit dem Joker, der sich einen Chaos-Urlaub in Metropolis gönnt, trennt ein als Guter getarnter superschneller Bösewicht namens Reverse-Flash den superbeliebten, nicht ganz so schnellen The Flash von der ihn zu Höchstgeschwindigkeit befähigenden Speed-Zone. Bald schon macht Reverse-Flash mit seiner Heldentatenfrequenz die ganze Gerechtigkeitsliga arbeitslos und überflüssig, um sich schließlich zu deren Diktator aufzuschwingen.

Der letzte, der Rettung bringen kann, ist Atom (ein Winzling, 1961 zum DC-Heldenpool gestoßen, damit ein Jahr älter aber leider nicht mehr ganz so populär wie sein Marvel-Pendant Ant-Man von 1962). Die Gagdichte dieser Direct-to-DVD-Veröffentlichung ist längst nicht so hoch wie die der Lego-Kinofilme, der Noppen-Flash flasht sein Publikum aber trotzdem ausreichend. Man freut sich auf den für 2019 geplanten Kinostart von ”The Lego Movie 2”.

Lego DC Comics Super Heroes

Lego DC Comics Super Heroes: The Flash

Kings. Dass Halle Berry ihrem Ruhm abträgliche Entscheidungen bezüglich ihrer Filmprojekte fällt, ist hinreichend bekannt. Daniel ”007” Craig scheint es ihr jetzt gleichzutun. In dem Drama ”Kings” der türkischen Regisseurin Deniz Gamze Ergüven spielt Craig Obie Harrison, den weißen Bewohner einer schwarzen ”Neighbourhood” während der Rassenunruhen von 1991 in Los Angeles.

Wie dieser schroffe und abweisende Typ zunächst den Babysitter für die Pflegekinder seiner schönen Nachbarin Millie gibt und dann zu deren Liebhaber wird, wird hier alles andere als plausibel erzählt. Bis Obie sich durch Erklimmen einer Straßenlaterne von seinen Polizeihandschellen befreit (was tatsächlich der Höhepunkt des danach abrupt abbrechenden Dramas darstellt), hat der Film noch keine Tonart gefunden, ist er sich nie sicher gewesen, wie er den Ausbruch der Gewalt darstellen soll.

Seltsame Dialoge sind hier zu hören - von unschlüssigen Figuren, deren Übersprungshandlungen einem schon bald auf die Nerven gehen. Dazu kommt ein Liebesakt, der völlig fremd im Film steht Das im Film gezeigte Amateurvideo der unglaublich brutalen Misshandlung des Farbigen Rodney King durch vier Polizeibeamte ist uns auch 27 Jahre nach der Tat noch in guter Erinnerung. Und immer wieder ist der amerikanische Polizeirassismus seither publik geworden. Ein Thema, das (nicht zuletzt auch in Deutschland) auf den Nägeln brennt, wurde hier verschenkt.

Kings

Kings

Von Matthias Halbig

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