Online: 06.09.2018

Pop

Die Traumsongs - Neues Album von Lenny Kravitz

Die Ideen für sein elftes Album “Raise Vibration” (erscheint am Freitag, 7. September) kamen ihm im Schlaf. Lenny Kravitz singt über die Liebe und hat die Nase voll von den “bad vibes” des heutigen Weltgeists.

“Den Seinen gibt's der Herr im Schlaf”. Die Worte von Psalm 127 treffen auf den New Yorker (und Wahl-Pariser) Lenny Kravitz zu. Der nach dem Ende der letzten Tournee nicht mehr recht wusste, wie er noch relevante Musik machen sollte. Es sollte kein weiteres Album nur deshalb entstehen, weil es an der Zeit war.

Die Unsicherheit wuchs, die Einflüsterer rieten ihm zu den hippen Hitproduzenten, zu angesagten Trap-Beats, wie er dem amerikanischen “Rolling Stone” verriet. Und dann kam ihm in seinem Haus auf den Bahamas die erste Idee, als er aus einem Traum erwachte. Es folgten weitere Träume, die sich in Songs verwandelten. Und jetzt ist “Raise Vibration” startbereit, ein Album voller “naturally music”.

Ein Mann für die Reanimation des Rock'n'Roll

Einen Mann, der seine Karriere im Weltfriedensjahr 1989 mit einem Album namens “Let Love Rule” begann, wollte der Herr halt nicht unbeschenkt lassen. Damals, als der heute 54-jährige Kravitz mit Beatles-Reminiszenzen wie “I Built This Garden For Us” und dem coolen Lou-Reed-artigen “Mr. Cab Driver” startete, als die Verehrung für Jimi Hendrix, Led Zeppelin, Prince, den Soul der Sechziger- und den Funk der Siebzigerjahre aus den Songs seines Debüts strömte und zu einer mitreißenden Melange verschmolz, schien der attraktive Sohn eines ukrainischen Vaters und einer bahamesisch-afroamerikanischen Mutter prädestiniert, den damals eher leblosen Rock zu reanimieren.

Die folgenden Alben “Mama Said” (1991) und “Are You Gonna Go My Way” (1993) bestätigten das gloriose Debüt, machten ihn zum Star. Danach kamen mittelprächtige Werke, aber stets mit ein paar Songwolkenkratzern. Zuletzt glänzte er auf “Strut” (2014) mit “New York City”, einem groovenden Song über “die Stadt, die mich aufzog und mich das Kämpfen lehrte”, der sich in die großen Big-Apple-Lieder einreiht - zwischen Sinatras “New York, New York”, Billy Joels “New York State of Mind” und Madonnas “I love New York”.

Der Auftaktsong - ein Mutmachergospel für wirre Zeiten

“Strut” schaffte es in der auf aseptischen R'n'B abonnierten Heimat nur noch auf Platz 19, in Deutschland und der Schweiz stieg es bis auf Platz 2. Ein Held für die alte Welt.

Auf dem ungleich stärkeren “Raise Vibration” pflegt Kravitz erneut seinen groovenden Vintage-Sound aus Rock'n'Roll und Soul. Seine Helden reichen immer noch hörbar von John Lennon bis Curtis Mayfield. Und Kravitz rockt - eher aus Überzeugung denn aus Vorsorge - erneut ziemlich gottgefällig. Eine psychedelische Orgel steigt zu Beginn auf, “We Can Get It All Together” ist ein gewaltiger, schleppender Rockgospel, ein Mutmacher in politisch wirren Zeiten, in denen ganz normale Menschen seltsamen Anführern folgen, in denen viele bereit zu sein scheinen, sich in die Truppen jener Seite einzureihen, die in “Star Wars”-Filmen von Typen wie Darth Vader verkörpert wird.

Ein wütendes Punkstück wird zum Achtminuten-Groover

“Die Vibes, die heute auf diesem Planeten herrschen, sind nicht gut für uns”, weiß Kravitz. “Wir müssen nach etwas Höherem streben.Wir müssen lernen, umsichtiger, offener und spiritueller zu werden und liebevoller miteinander umzugehen.” Der positive Gesamteindruck des Albums war ihm wichtig.

Und so verwandelte sich das ursprünglich wütende Punkstück “It's enough” in einen achtminütigen Groover aus Funk, Latin Rock und einem dunkel raunenden Piano. Inhaltlich ist dieser Kern- und Königssong des Albums trotzdem ein ganz großer Rundumschlag des Zorns geblieben: Gegen Rassismus und gegen Waffenbesitz, gegen Genfood, Drogenschwemme, den grausamen Krieg in Syrien, gegen dem Spektakel zugeneigte Medien und das derzeitige politische System in Washington.

“Wann wird der Wunsch nach Liebe endlich den Wunsch nach Macht überflügeln?” fragt Kravitz im Text. Überladen vielleicht, möglicherweise auch naiv, aber bezwingend tanzbar. Und es tut gut zu hören, wie sich Kravitz lautstark auf der “Wir sind mehr”-Seite verortet. “Zeit aufzuwachen”, schließt er, “lasst uns tun, was wir können.”

Freilich lässt er auch die Liebe leben. Beteuert im Discofunk von “Low”, dass er die Winkelzüge und Tricks der Liebe satt habe und sich nach wahrer Zuneigung sehne. Der folkige, streicherdurchwehte Song “Johnny Cash” ist dann indirekt ein Erinnerungssong an seine Mutter.

Im letzten Song zittert sogar noch eine Trap-Hi-Hat

Um der Sterbenden nahe sein zu kommen, schlüpfte er 1995 bei Produzent Rick Rubin in Los Angeles unter, der gerade mit Cash an dessen American Recording”-Sessions arbeitete. Und als die Todesnachricht aus dem Krankenhaus kam, war es Cash und seine Frau June, beide tief gläubige Gemüter, die den ihnen kaum bekannten Kollegen umarmten und trösteten. “Das ist ein Dankeschön”, erklärt Kravitz.

Eingängige Lieder wie “Gold Dust”, “5 More Days Till Summer” und “Ride” kann der Fans bald schon dort mitsingen, wo sie entstanden sind: im Schlaf. Im letzten Song, “I'll Always Be in Your Soul” zittert dann sogar noch eine moderne Trap-Hi-Hat. Lenny Kravitz, so scheint's. ist unterwegs zur Güte seines Frühwerks, immer noch ein Großer, dessen neues Album ein Verständnis von Soul zeigt, das der Bedeutung des Wortes auch gerecht wird. Dieses Album hat Seele. Der Herr wird ihm vermutlich weiterhin kreative Träume schenken.

Lenny Kravitz: “Raise Vibration” (BMG Rights), erscheint am 7. September 2018; am Donnerstag, 6. September, tritt Lenny Kravitz beim Deutschen Radiopreis in Hamburg auf. Die Show wird auch als Livestream im Internet zu sehen sein. Dritte Fernsehprogramme der ARD senden zeitversetzt.

Von Matthias Halbig / RND

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