Online: 31.08.2018

Kommentar

“Tatort”-Kommissare sind kein gutes Vorbild

Durchschnittlich dreimal pro Sendung verstoßen die Ermittler vom “Tatort” gegen Recht und Gesetz. Das mag künstlerische Freiheit sein, aber es prägt das Bild der Polizei. Und das bleibt nicht ohne Folgen, meint unser Kolumnist Tobias Gostomzyk.


Sie lügen, brechen in Wohnungen ein, unterdrücken Beweismittel und manipulieren Zeugen: “Tatort”-Kommissare, Deutschlands berühmteste Vertreter des Rechtsstaats, treten das Gesetz oft selbst mit Füßen. Im Jahr 2017 begingen die TV-Ermittler durchschnittlich drei Rechtsverstöße pro Sonntag - und liegen damit auf dem Niveau von 2015. Der Rechtsverstoß der Kommissare gehört zur “Tatort”-Dramaturgie wie der Mord in der ersten Viertelstunde. Den Typus des überengagierten Fernsehermittlers gibt es nicht erst seit Panzerfaust-Kommissar Nick Tschiller. Er hat seit Horst Schimanski Tradition.

Im Dienste der Gerechtigkeit dürfen “Tatort”-Kommissare Wut oder Abneigung gegen mutmaßliche Täter freien Lauf lassen. Auch die Strafprozessordnung hat schnell das Nachsehen: Beispielsweise erfolgt fast nie eine Belehrung von Beschuldigten. Hinzu kommen unzulässige Hausdurchsuchungen oder Beschlagnahmungen, um nur einige der Rechtsverstöße zu nennen. Dabei bleiben sie oft folgenlos: Die Kollegen ignorieren sie - wenn sie sie überhaupt wahrnehmen.

Gewiss möchte der “Tatort” keine normale Polizeiarbeit darstellen. Eine spannungsreiche Ermittlungsgeschichte darf übertreiben - und Zuschauer wissen das selbstverständlich. Dennoch bleibt die Darstellung nicht ohne Folgen. Auch Krimikommissare prägen - ob sie wollen oder nicht - das Bild der Polizei. Vielleicht wäre einmal ein streng gesetzestreuer Ermittler eine Alternative? Dramaturgisch spannend könnte das auch sein - und angesichts der damit darzustellenden Bürokratie vielleicht sogar ein bisschen komisch.

Tobias Gostomzyk ist Professor Medienrechtler an der TU Dortmund.

Von Tobias Gostomzyk

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