Online: 02.09.2018

Krimi

Kieler “Tatort”: Almila Bagriacik ermittelt erstmals an Borowskis Seite

Im Kieler “Tatort” gibt es am Sonntag eine neue Kollegin, ein wenig Horror und sehr viel rätselhafte Weiblichkeit. “Borowski und das Haus der Geister” heißt der mystische Sonntagskrimi.

Borowski (Axel Milberg) trägt ein S auf seinem Volvo, als komme er aus Schweden - dem Land, in dem die Kommissare leiden wie die Hunde, weil zum Mord der Regen kommt und oft auch eine Ehekrise des Ermittlers. Bei Borowski und den Frauen aber ist das keine Krise mehr, sondern eine Gespenstergeschichte: Die Schauspielerinnen Maren Eggert und Sibel Kekilli standen ihm während der letzten Jahre zur Seite, als Kolleginnen bei der Verbrecherjagd. Beide sind verschwunden, wie Frauen manchmal in Zirkuskisten verschwinden. Man weiß nicht, ob das nur ein Trick war oder doch schon ein Verbrechen.

Der Kieler Kommissar war in seine Kolleginnen verliebt

In beide Frauen war der Kieler Kommissar auf eine gut versteckte, mehr dem Murmeln als dem Sprechen zugewandte Art verliebt.

Nun kommt die nächste Ermittlerin: Mila Sahin (Almila Bagriacik). 28 Jahre, gedanklich wendig, attraktiv. Nicht erreichbar für Borowski. Wie gehabt.

Die Frauen sind das Elixier in den “Tatorten” aus Kiel. Sie sind schlank, um das Bäuchlein des Ermittlers auszugleichen, und zeigen sich kriminologisch “up to date”, um die nicht mehr ganz staubfreien Glaubenssätze des Kommissars in die Balance zu bringen. Weil die Kolleginnen sich in Kiel als ironische Skizze der Traumfrau bewährt haben, trägt das Drehbuch (Marco Wirsch) in der neuen Folge dick auf. Sie heißt aus guten Gründen “Borowski und das Haus der Geister”. Denn in Kiel geben sie sich alle Mühe, dem Weiblichen etwas Rätselhaftes nachzusagen.

Rotes Frauenhaar weist in voraufgeklärte Zeiten

Dieser “Tatort” erzählt die Geschichte von Anna. Ihre roten Haare wiesen in voraufgeklärten Zeiten und eben auch in dieser Episode klar in Richtung Hexe. Anna Voigt (Karoline Schuch) ist das neurotische, sinnliche bis übersinnliche Mädchen, das nie zur Frau gereift ist, weil ihr dafür ein aufgeräumter Geist und ein stabiles Weltbild fehlen.

Ihr Bruder hat sich umgebracht, das lastet wie ein Fluch auf ihr. Im “Tatort” wird sie überdies besetzt als Schwiegermutter. Auch das war bei den Brüdern Grimm ja schon der halbe Weg zum Scheiterhaufen. Tatsächlich brennt Annas Bett in einer jener Nächte, in denen nicht klar ist, ob es auf der Ideenkonferenz beim NDR zu viele Schnapspralinen gab.

Anna ist die Frau von Frank Voigt (Thomas Loibl), dessen vormalige Gattin Heike wohl ums Leben kam. Niemand hat Gewissheit, keiner hat ihre Leiche gesehen. Frank ist ein alter Freund von Borowski, ein Ex-Richter und heute ein Troubadour, der sich mit Gitarre in den Garten seiner bröckeligen Villa setzt - dem “Haus der Geister”.

Die Verwicklungen des Krimis flirten mit “Akte X”

Seine Töchter Sinja (Mercedes Müller) und Grete (Emma Mathilde Floßmann), die er mit Heike bekam, haben radikal verschiedene Wege eingeschlagen: Sinja gibt sich als junge Femme fatale, ihr Freund Chris folgt ihr wie ein Kampfhund an der kurzen Leine. Grete ist verträumter, färbt sich die Haare in der Tradition der Punks, sie nennt Borowski “Onkel”. Der besucht die Familie, weil Grete einen Brief geschrieben hat: “Hier spukt es!” Grete aber behauptet, der Brief sei schon ein paar Jahre alt, sie habe ihn nie abgeschickt.

Die Verwicklungen flirten mit “Akte X”, der Plattform des Privatfernsehens für Geister aller Art. Doch weil man im öffentlich-rechtlichen Fernsehen jeden Schritt in Richtung Fantasy mit einem gut sichtbaren Etikett ausweisen muss, da überraschende Experimente in der konservativen Gattung “Tatort” für Empörung sorgen, steckt Regisseur Elmar Fischer den Film in Bilder, die wir aus den Märchenfilmen kennen.

Ja, die Haarfarben sind wichtig. Auch der Nebel. Die Nacht. Wenn Frank Voigt ein Lächeln wagt, sieht das dämonisch aus. Ist er der Mörder seiner früheren Frau? Wenn Sinja die Treppe hinabsteigt, wirkt sie wie die Eisprinzessin Elsa aus dem Hause Disney.

Ein waghalsiger und gewollt irrer Kriminalfilm

Weil im neuen, mystischen “Tatort” mit schlüssigen Indizien nichts gewonnen ist, da sie über Nacht zerbröseln, wendet sich Borowski an seine Ex-Frau, die eine Freundin der verschwundenen Heike war. Noch mehr Weiblichkeit. Das gibt diesem waghalsigen, neugierigen und gewollt irren Film die Note eines orientalisches Bades, einem Hamam, wo Männer nicht gelitten sind. Für Borowski mit der Bärenruhe bleibt die Rolle eines Türstehers.

Von Lars Grote / RND

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