Online: 08.09.2018

Spieletest

Gedächtnislücken in der Zukunft: ”State of Mind” im Spieletest

Es beginnt mit einem Autounfall. Der Einstieg in ”State of Mind” ist für einen Science-Fiction-Thriller ominös, denn natürlich fahren die Autos im Berlin des Jahres 2048 von alleine. Und ab da wird alles noch seltsamer.

”State of Mind” rührt die großen Zukunftsthemen unserer Zeit zusammen und landet damit in einer nahen Zukunft, die alle Befürchtungen wahr macht.

Polizeiroboter prügeln auf obdachlose Menschen ein. Die Stadt wuchert in alle Richtungen. Der Himmel bleibt grau. Menschen flüchten sich in virtuelle Welten oder hoffen auf eine bessere Zukunft weit weg - auf dem Mars.

Journalist Richard hat in einer dystopischen Zukunft mit Gedächtnislücken zu kämpfen

Journalist Richard hat in einer dystopischen Zukunft mit Gedächtnislücken zu kämpfen.

In dieser Welt erwacht ein Journalist namens Richard mit Gedächtnislücken in einem Krankenhaus. Die Geschichten passen nicht zusammen: Bei der Arbeit wird Richard nicht vermisst, seine Familie ist verschwunden, und angeblich hat seine Frau dem Technologiekritiker einen Haushaltsroboter in die Wohnung gestellt. Aber Richard lässt sich nicht so schnell entmutigen und tut, was er am besten kann: Er recherchiert.

Richards Welt wirkt eigenwillig, aber realistisch. Zwanghaft pessimistische Ausblicke in die Zukunft gibt es in letzter Zeit viele. Dieser hier hebt sich dank des treffenden Berlin-Bilds aus der Masse heraus. Straßenkreuzungen, Clubs und S-Bahn-Haltestellen sehen hier wirklich so aus, wie sie in 30 Jahren aussehen könnten. Das verleiht der zuweilen abgehobenen Geschichte Bodenhaftung.

Berlin im Jahr 2048

Berlin im Jahr 2048: ”State of Mind” erschafft mit eigenwilliger Low-Poly-Grafik und viel Neon eine düstere Zukunft mit Charakter.

”State of Mind” ist der große Versuch der deutschen Spielefirma Daedalic, eine neue Art von Grafik­adventure zu inszenieren. Ohne zerfahrene Rätsel, aber mit dramatischen Kameraperspektiven und einem treibenden Plot.

Das Kunststück gelingt, teilweise. Eigenwillig sieht die Welt von morgen aus, aber auch reizvoll. Die Menschen werden absichtlich grob dargestellt, sie wackeln wie Drahtgestelle durch die halbwegs realistischen 3-D-Kulissen.

Das passt thematisch zu einem Spiel über die unscharfe Zukunft des Menschen: Werden wir von Robotern abgelöst? Müssen wir selbst zu Robotern werden? Sind wir vielleicht schon Roboter? Ist das alles hier vielleicht gar nicht echt?

Werden wir von Robotern abgelöst

Werden wir von Robotern abgelöst? Müssen wir selbst zu Robotern werden? Daedalic wagt sich an die großen Zukunftsfragen.

Trotz der übergroßen Themen verliert ”State of Mind” nicht das Interesse an den Nöten und Hoffnungen seiner sehr menschlichen Protagonisten. Von seinen Spielern verlangt es Sitzfleisch und guten Willen - gelegentlich machen technische Fehler oder schlechte Schauspielleistungen eine Szene kaputt, und zwischendurch baumeln die Erzählstränge lose in der Gegend herum.

Ein Meisterwerk hat Daedalic also nicht geschaffen - aber einen faszinierenden Ausflug in die Zukunft.

State of Mind

State of Mind

”State of Mind” ist für PC, PS4, Switch und Xbox One erhältlich. Es kostet 40 Euro.

Von Jan Bojaryn

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