Online: 09.09.2018

Sängerin auf “Vogue”-Cover

Macht und Mode: Beyoncés Botschaft

Erst der Louvre, jetzt die ”Vogue”: Superstar Beyoncé nutzt ihr Geld und ihren Stil, Rassismus und Ungerechtigkeit zu bekämpfen. Über die Macht und Mode einer Milliardärin.

Für Anna Wintour war die Frage klar. Die US-”Vogue”-Chefin musste nicht lange überlegen, wen sie dieses Jahr auf dem Cover der legendären September-Ausgabe sehen wollte: Beyoncé! ”Es gab gar keine andere Wahl”, schreibt die 68-Jährige im Editorial ihres mit 648 Seiten dicksten und wichtigsten Hefts des Jahres.

Der Ruhm der Musikerin, ihre globale Präsenz, aber auch die Art, beides in weltverändernder Weise zu nutzen, seien derzeit einzigartig. Und tatsächlich: 2018 ist Beyoncés Jahr, nie zuvor war ihre Strahlkraft größer, nie war sie gefragter und mächtiger und gleichzeitig berechnender als jetzt.

Im Frühjahr, als die Würfel für das ”Vogue”-Cover fielen, feierte ”Queen Bey” beim Coachella-Festival in Kalifornien, dem wichtigsten Musikevent der Welt, gerade den Höhepunkt ihrer Karriere. Beyoncé war die erste afroamerikanische Headlinerin des Festivals, die Presse bezeichnete ihren Auftritt als ”historisch”.

”Beyoncé ist eine Stilikone”

Der Anruf von der ”Vogue” dürfte sie daher wenig überrascht haben. ”Vielleicht hat sie sogar darauf gewartet”, meint Professor Peter Seebacher von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) in Hamburg.

Beyoncé, dreifache Mutter und für ihre Kurven bekannt, sei zwar wunderschön, aber bei Weitem kein Model - dass sie zum nunmehr vierten Mal von der ”Vogue” lächelt, sei der ”Celebrity Culture” geschuldet, die Anna Wintour vor Jahren ausgerufen hat, um sich dem Zeitgeist anzupassen. Für Seebacher folgerichtig: ”Beyoncé ist eine Stilikone, und sie hat lange darauf hingearbeitet.”

Königlicher Auftritt der Queen of R-'n'-B

Königlicher Auftritt der Queen of R-'n'-B: Beyonce am 12.02.2017 in Los Angeles, während der 59. Verleihung der Grammy Awards.

Die Anfänge sieht der Modeexperte Mitte der Neunziger, als Beyoncé mit der R-'n'-B-Girlgroup Destiny´s Child berühmt wurde: ”Damals wurde Mode für sie elementar, damals hat sie erkannt, dass sich ihre Musik nicht bloß über Gesang und Tanz verkauft.” Fortan bestimmten knappe, figurbetonte Glitteroutfits die Garderobe von Fräulein Knowles.

Als sich die Band auflöste und Beyoncé ihre Solokarriere vorantrieb, wurden die Kleider merklich länger und die Designer hochkarätiger - Haut zeigt sie allerdings bis heute gern. Sechs Studioalben, unzählige Grammys und zig Millionen Plattenverkäufe haben bis dato nicht nur ihr Bankkonto anschwellen lassen, auch modisch hat sich Beyoncé in eine andere Liga katapultiert.

Ein Symbol für die Welt des Hip-Hop

Zu ihren Lieblingsdesignern zählt der Italiener Riccardo Tisci, bis vor Kurzem Chefdesigner bei Givenchy, jetzt verantwortlicher Kreativer im Hause Burberry, der ihr unveröffentlichte Kollektionsstücke auf Konzertreisen mitgibt oder etwas Pompöses für die New Yorker Met Gala auf den Leib schneidert.

Denn pompös, glamourös, möglichst ”flashy” müssen sie schon sein, die Outfits, in denen sich die amtierende Königin des Pop zeigt - das sei sie ihrer Kunst, ihrem Hintergrund und ihren Fans schuldig, erklärt Modeexperte Seebacher.

Zwar wuchs Beyoncé Knowles-Carter, anders als ihr Mann, der Rapper Jay-Z, nicht vaterlos im Getto, sondern in behüteten Verhältnissen in Houston auf, trotzdem steht ihr Aufstieg vom mittellosen kleinen Ding zum Überstar symbolisch für die Welt des Hip-Hop. Das dekadente Zurschaustellen von Reichtum, das Prahlen und Protzen mit sündhaft teuren Uhren, Sportwagen, Privatjets und Designerklamotten sind hier Methode und stoßen niemandem bitter auf, im Gegenteil.

Das neueste Album ”Everything is Love”, ein Gemeinschaftsprojekt des Ehepaars Carter, das am 16. Juni ohne Vorankündigung veröffentlicht wurde, strotzt nur so vor eitler Selbstbeweihräucherung, ein Hit ist es trotzdem. Für das Video des Songs ”Apeshit” mieteten die Carters, gemeinsam geschätzt mehr als eine Milliarde Dollar schwer, kurzerhand den Pariser Louvre, frei nach dem Motto “Schwarze Kunst kapert weiße Kunst” oder auch einfach ”Was kostet die Welt?”.

Natürlich gehe es dabei, glaubt man den Künstlern, um weitaus mehr als arrogantes Posen, nämlich um die ganz großen Fragen, um Rassismus, Diskriminierung, Ungerechtigkeit, das betont Beyoncé nun auch bei ihrem Auftritt in der ”Vogue”.

Das zehnseitige Dossier ”Beyoncé - In her Own Words” nutzt die 37-Jährige dazu, sich selbst als nahbarer Star mit stinknormalen Frauenproblemen zu präsentieren (”Vor der Geburt der Zwillinge wog ich 218 Pfund, etwa 99 Kilo”) und gleichzeitig auf die Rechte von Müttern, Farbigen und Verfolgten zu pochen (”Jeder hat eine Stimme”).

Ein Fotograf als Politikum

Angeblich hat der Superstar eine ”noch nie da gewesene Kontrolle” über die Ausgabe gehabt, sie habe der sonst so mächtigen Anna Wintour ein paar Dinge diktiert, die sie wohl oder übel schlucken musste: Anders als andere Covergirls wurde Beyoncé im Heft nicht interviewt, sie schrieb ihren Text selbst. Auch den Künstler, der sie für das Magazin in Szene setzte, wählte sie selbst aus - und machte ihre Entscheidung zum Politikum.

Tyler Mitchell, 23 Jahre jung, ist in der langen Reihe von Richard Avedon bis Annie Leibovitz der erste Afroamerikaner, der das Cover der US-”Vogue” fotografieren durfte. ”Wenn Menschen in mächtigen Positionen weiterhin nur Menschen buchen, die aussehen wie sie, sich anhören wie sie (…), werden wir alle verlieren”, schreibt Beyoncé.

Mitchell, aus Atlanta stammend und mit Skatervideos berühmt geworden, inszeniert Beyoncé in überraschend altmodischer Südstaatenmanier, mal als stolze ”Sklavenschönheit” im Gucci-Kleid mit Blumenturban vor weißen Bettlaken, mal göttinnengleich im glitzernden Valentino-Dress an weißer Marmorsäule. Es ist ein Shooting mit politischem Statement, gleichzeitig kalkuliert königlich. Als wollte Beyoncé sagen: Seht her. Erst kapere ich den Louvre, jetzt eben die ”Vogue”.

Von Sophie Hilgenstock

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