Online: 07.09.2018

Interview mit Wolfgang Ischinger

Wie gefährlich ist die Lage in der Welt?

Seit 2008 leitet der langjährige Diplomat Wolfgang Ischinger die Münchner Sicherheitskonferenz und bringt dort Politiker aus aller Welt zusammen. Mit Kristian Teetz spricht er über Donald Trump, die internationale Rolle Deutschlands und eine Welt, die aus den Fugen zu geraten scheint.

Herr Ischinger, Sie waren fast 40 Jahre lang Diplomat und haben Geschichte miterlebt und mitgestaltet. Woran erinnern Sie sich besonders intensiv?

Das emotional bewegendste Ereignis war mit Sicherheit eine Zugfahrt im Oktober 1989, als es meine Aufgabe war, rund 1000 ausreisewillige DDR-Bürger aus der Prager Botschaft in die Bundesrepublik zu begleiten. Außenminister Hans-Dietrich Genscher hatte auf dem Balkon der Prager Botschaft den DDR-Bürgern mitgeteilt, dass sie ausreisen dürfen. Ein paar Tage später ging es dann mit der Bahn von Prag durch die DDR nach Hof in Bayern.

Was war das emotional Besondere?

Das war ein richtiges Abenteuer, vor allem natürlich für die 1000 Menschen, die in den Westen wollten. Aber auch für mich. Denn was hätte ich denn tun können, wenn die Stasi oder die Volkspolizei die Menschen aus dem Zug hätten holen wollen? Die Emotionen gingen in diesem Zug hoch zwischen tiefster Angst und Furcht und einem unbeschreiblichen Freudengeheul, in das ich auch einstimmte, als wir um 5 Uhr morgens in das nächtlich beleuchtete Hof einfuhren. Aus über 1000 Kehlen wurde ”Freiheit, Freiheit, Freiheit” gerufen. Und ich habe mich dabei ertappt, dass ich wahrscheinlich am lautesten mitgeschrien habe. Das alles hat mich tief bewegt.

Ihr erster Arbeitstag als deutscher Botschafter in Washington war ausgerechnet der 11. September 2001.

Auch ein unvergesslicher Tag. Ich konnte von meinem Bürofenster aus das brennende Pentagon sehen und bin dann auch hingefahren, um mir ein Bild vor Ort zu machen. Ich wusste, Du erlebst jetzt einen weltpolitischen Bruch mit. Das wird gewaltige, noch gar nicht absehbare Folgen haben - und das hatte es dann ja auch.

Auch heute scheint die Welt vor gravierenden Umbrüchen zu stehen. Ihr neues Buch haben Sie ”Welt in Gefahr” genannt. Wie gefährlich ist die Lage in der Welt momentan wirklich?

Sie ist ungewöhnlich gefährlich. Und zwar deswegen, weil mehrere Phänomene aufeinandertreffen. Das eine ist ein fast umfassender Vertrauensverlust in der Weltpolitik. Um es einmal banaler auszudrücken: Die russische Generalität traut schon lange nicht mehr der amerikanischen Generalität. Selbst in Europa - wenn man nur an den Brexit, an Polen oder Ungarn denkt - ist die klassische Vertrauensbasis, auf deren Grundlage man früher Ziele gemeinsam verfolgte und dazu auch intensive Kontakte auf allen verfügbaren diplomatischen oder politischen Ebenen pflegte, gestört.

Welches Phänomen meinen Sie noch?

Zweitens treffen in der aktuellen Phase, die man auch einen Epochenbruch oder Epochenumbruch nennen kann, viele schwerwiegende regionale, zum Teil auch militärisch ausgetragene Konfliktsituationen gleichzeitig aufeinander.

Queen Elizabeth II

Queen Elizabeth II. empfängt den damaligen deutschen ­Botschafter in London, ­Wolfgang Ischinger.

An welche Konfliktlagen denken Sie?

Nehmen Sie Syrien oder die südchinesische See oder den Donbass in der Ukraine oder die Migrations- und Flüchtlingskrise in Europa. Dazu kommen Trump, Putin, Erdogan, Xi Jinping und mit ihnen die wachsende Neigung zur Ein-Mann-Herrschaft, die wir bei vielen Mächten beobachten.

Welchen Anteil hat Donald Trump an der momentanen Krise in der Welt?

Er wirkt wie ein Brandbeschleuniger. Der Brand hat ja schon vorher begonnen: Denn es ist ja nicht so, dass sämtliche Probleme, die wir momentan haben, erst seit Donald Trump existieren. Der Ausbruch des Syrien-Konfliktes etwa liegt sieben Jahre zurück, Trump ist noch nicht einmal zwei Jahre im Amt. Aber der US-Präsident hat durch die Art seines Auftretens, seine Sprache und auch durch einige Entscheidungen nicht wie ein Feuerwehrmann gewirkt, sondern eben wie ein Brandbeschleuniger.

Auch die transatlantischen Beziehungen haben sich in der Amtszeit von Donald Trump bereits deutlich verändert. Welche Folgen hat seine Präsidentschaft für Deutschland?

Wir müssen das Auftreten und die Drohungen von Donald Trump als Weckruf nehmen. Lange Zeit meinten wir, wesentliche Teile unserer Sicherheit an die USA outsourcen zu können. Das wollen die USA offenbar, jedenfalls in der bisherigen Form, so nicht mehr tragen, auch aus finanziellen Gründen. Wir müssen nun also langsam lernen, erwachsen zu werden. Aber bitte nicht gegen die USA, sondern um in Washington ernster genommen zu werden.

Das ist leichter gesagt als getan. Wie soll das gelingen?

Wenn wir Europäer in Washington mit einer Stimme auftreten, werden wir dort auch ernst genommen. Jean-Claude Juncker hat kürzlich gezeigt, dass er in der Handelspolitik mit Präsident Trump erfolgreich verhandeln konnte. Ein deutlicher Schritt nach vorne wäre es schon, wenn sowohl die ständigen Mitglieder im UN-Sicherheitsrat - Großbritannien und Frankreich - als auch etwa Deutschland als nicht-ständiges Mitglied in wichtigen Fragen mit einer Stimme auftreten. Ein längerfristiges Ziel wäre ein gemeinsamer europäischer Sitz im UN-Sicherheitsrat. Ich halte das für ein weltpolitisch zeitgemäßes Ziel.

Wolfgang Ischinger, Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz, spricht am 09022017 in München bei einer Pressekonferenz

Wolfgang Ischinger, Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz, spricht am 09.02.2017 in München bei einer Pressekonferenz.

Ab dem 1. Januar 2019 wird Deutschland erneut für zwei Jahre als nicht-ständiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat sitzen. Sehen Sie Möglichkeiten, dass Berlin dieses Ziel dort vorantreibt?

Deutschland kann in den kommenden zwei Jahren in New York wichtige Zeichen setzen. So könnte es sich der Ständige Vertreter Deutschlands bei den Vereinten Nationen zur Regel machen, sich bei Abstimmungen regelmäßig und auch ganz förmlich mit allen seinen europäischen Partnern abzustimmen. Es wäre ein starkes Zeichen, wenn das größte Mitgliedsland in der EU im Sicherheitsrat nicht agiert, um Deutschlands Größe in der Welt zu demonstrieren, sondern um Europa in der Welt handlungsfähiger zu machen.

Das Verhältnis zu Russland ist wegen der Annexion der Krim und der Lage in der Ostukraine momentan ein sehr schwieriges. Wie wichtig ist es, trotz dieser Krisen mit Russland im Gespräch zu bleiben?

Diplomatie wird dann relevant und wichtig und natürlich auch kompliziert, wenn man nicht nur mit Freunden und Partnern spricht, sondern auch mit Gegnern oder gar Feinden. In dieser Lage, die nun entstanden ist, muss man erst recht mit Russland sprechen. Es ist uns leider nicht gelungen - uns allen in der westlichen Welt -, Russland zu vermitteln, dass es an seiner westlichen Grenze von uns, dem Westen, nicht nur nicht bedroht wird, sondern dass diese westliche Grenze die sicherste ist und bleiben wird, die Russland hat. Diesen Versuch müssen wir fortsetzen, wir müssen die Tür offen halten.

Wäre es denn in Ihren Augen sinnvoll, wie immer wieder mal gefordert wird, die Wirtschaftssanktionen gegen Russland aufzuheben?

Wir müssen immer wieder überprüfen, ob Sanktionen Sinn haben. Im Moment machen sie Sinn, weil uns im Moment nichts anderes einfällt, um die Völkerrechtsverletzungen, die auf der Krim und in der Ostukraine stattgefunden haben und stattfinden, zu ahnden. Wenn wir das ignorieren würden, würden wir uns ins eigene Fleisch schneiden. Das wäre dann nichts anderes als ein Freifahrtschein zu weiteren Verstößen gegen völkerrechtliche Vereinbarungen.

Sie haben eine 13-jährige Tochter. Wenn Sie die momentane Weltlage betrachten, haben Sie dann Angst um ihre Zukunft?

Wenn Sie mit Herz und Verstand Di­plomat sein möchten, müssen Sie Optimist sein. Ich versuche meine Tochter frühzeitig damit vertraut zu machen, dass wir hier in Berlin nicht auf einer einsamen Insel der Glückseligen leben, sondern dass es um uns herum eine Welt gibt, in der es zum Teil ganz furchtbar zugeht, wo Armut, Tod, Krieg Alltag sind. Aber ich vermittle ihr auch, dass es sich lohnt, sich zu engagieren. Ich bin und bleibe Optimist.

Wolfgang Ischinger

Wolfgang Ischinger: ”Welt in Gefahr: Deutschland und Europa in unsicheren Zeiten”, Econ Verlag

Seit 1963 treffen jährlich hochrangige internationale Politiker und Sicherheitsexperten während der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) aufeinander. Jeweils im Februar eines Jahres kommen mehr als 450 Entscheidungsträger und Meinungsführer aus aller Welt zusammen - darunter sind Staatsoberhäupter, Minister, Führungspersönlichkeiten von internationalen Organisationen und Nichtregierungsorganisationen sowie führende Vertreter aus Wirtschaft, Medien, Forschung und Zivilgesellschaft.

Im Mittelpunkt stehen aktuelle internationale Themen und Konflikte. ”Die MSC will Vertrauen fördern und zur friedlichen Beilegung von Konflikten beitragen, indem sie einen anhaltenden, kuratierten und zugleich informellen Dialog innerhalb der internationalen Sicherheitsgemeinschaft ermöglicht”, lautet das Ziel der Konferenz.

Der Mann, der seit 2008 als Vorsitzender hinter der Konferenz steht, blickt auf eine lange diplomatische Karriere zurück, die 1973 in New York begann: Dort arbeitete Wolfgang Ischinger damals im Sekretariat der Vereinten Nationen.

Nach Stationen unter anderem als persönlicher Mitarbeiter des Bundesaußenministers (von 1982 bis 1990) und von 1995 bis 2001 als Leiter der Politischen Abteilung im Auswärtigen Amt leitete Ischinger die deutschen Delegationen bei den Bosnien-Friedensverhandlungen in Dayton 1995 und in der Kosovo-Krise 1998/1999. Im Oktober 1998 wurde der studierte Jurist Staatssekretär des Auswärtigen Amts. Von 2001 bis 2006 war der heute 72-Jährige deutscher Botschafter in Washington und von 2006 bis 2008 in London.

Als Ischinger seinen Dienst in der englischen Hauptstadt begann, konnte er die Queen bei seinem Antrittsbesuch mit einem Gespräch über Pferde für sich gewinnen. ”Die Königin geriet derart ins Fachsimpeln, dass ich nur noch gelegentlich 'Oh really?' einwerfen musste, um den Gesprächsfluss am Laufen zu halten”, schreibt Ischinger in ”Welt in Gefahr. Deutschland und Europa in unsicheren Zeiten” (Econ, 304 Seiten, 24 Euro).

”Irgendwann gab der britische Protokollchef Zeichen, dass die Zeit um sei, aber die Queen winkte ab. Sie war Feuer und Flamme, offenbar hatte ich den richtigen Knopf gedrückt.” Nach diesem Gespräch sei er nicht mehr nur irgendein Botschafter gewesen, ”sondern der Pferdefreund”, so Ischinger.

In dem Buch geht es aber weniger um persönliche Anekdoten als um die Beschreibung und Analyse der momentanen Weltlage. Welche Folgen hat Trumps Politik für die Welt? Muss Europa eher gegen oder mit Putin handeln? Wann und von wem wurden die entscheidenden Fehler in der Syrien-Krise begangen, und wie könnte sich der Krieg beenden lassen?

In jeweils zeitgeschichtlich eingebetteten Kapiteln legt Ischinger eine scharfsinnige, sehr gut verständliche und höchst aktuelle Analyse der Weltlage vor. Eine Herzensangelegenheit ist ihm dabei die Frage, wie sich Deutschland und ein vereintes und starkes Europa in der Welt engagieren können.

Neben dem Vorsitz der Münchner Konferenz bewegt sich Wolfgang Ischinger weiterhin auch immer wieder an anderen Stellen auf internationalem Parkett. So vertrat er im Jahr 2014 den Vorsitzenden der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) bei den Bemühungen um einen nationalen Dialog in der Ukraine.

Wolfgang Ischinger ist Träger des Bundesverdienstkreuzes und zahlreicher hoher ausländischer Ehrungen, unter anderem darf er sich Kommandeur der französischen Ehrenlegion nennen. Er ist mit der Journalistin und Autorin Jutta Falke-Ischinger verheiratet und hat drei Kinder.

Seit 2011 lehrt Ischinger als Honorarprofessor am Institut für Politikwissenschaft der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Zudem unterrichtet er als Senior Professor for Security Policy and Diplomatic Practice an der privaten Hertie School of Governance in Berlin.

Vor wenigen Tagen würdigte Wolfgang Ischinger die langjährige Verbundenheit des kürzlich verstorbenen US-Senators John McCain zur Münchner Sicherheitskonferenz. ”In John hat die Münchner Sicherheitskonferenz ihren größten Fürsprecher jenseits des Atlantiks verloren - einen Freund, der unsere Werte verkörperte und lebte wie kein Zweiter.”

Von Kristian Teetz

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