Online: 12.09.2018

Kommentar

Krieg - der Vater aller Probleme

Das Morden und Wüten in Syrien zeigt: Die Menschlichkeit ist in einem Zangengriff gefangen. Für die USA ist das Recht, für Moskau der Frieden nicht mehr so wichtig. Hier liegt das Problem - nicht bei den Flüchtlingen.

Der 22-jährige Syrer Anas al-Diab hat, ohne es zu wollen, schon oft Horrorfilme gedreht. In Idlib muss er dazu nur seine Handykamera laufen lassen - schnell sammeln sich da unfassbare Bilder mit Blutenden, Verstümmelten, Toten.

Der junge Mann nennt sich “Bürgerjournalist” und ist ein hoffnungsloser Idealist. Zuletzt filmte er nach einem Luftangriff. Plötzlich fällt eine zweite Bombe: Diab geht zu Boden, Splitter sind in seinen Beinen, er schreit, er kann sich nicht mehr bewegen, Helfer kommen, sie haben keine Trage, sie schleifen ihn weg, sie ziehen eine blutige Spur in den Staub.

Horst Seehofer sagte dieser Tage: “Die Migrationsfrage ist die Mutter aller politischen Probleme in diesem Land.” Vor der Kulisse von Idlib entpuppt sich dieser vermeintlich flotte Spruch als die bislang einfältigste Äußerung des Jahres.

Krieg treibt Menschen in die Flucht. Krieg, nicht erst die aus ihm folgende Migration, schafft die Probleme. Allein aus Idlib sind in den letzten Tagen 20 000 Menschen geflohen. Dabei hat die befürchtete Großoffensive des Assad-Regimes noch gar nicht begonnen. UN-Experten rechnen für diesen Fall mit 800 000 zusätzlichen syrischen Flüchtlingen.

Wie lange noch wollen die Europäer allein auf das Migrationsthema starren - und sich dabei politisch selbst zerlegen? Weltpolitikfähig wird die EU auf diese Art nie. Nach einer Serie von Brandstiftungen darf man nicht allein über diese oder jene Verwendung des Löschwassers streiten. Irgendwann muss auch der Brandstifter in den Blick genommen werden.

In Syrien kontrolliert Russland den Luftraum. Doch gegenüber Wladimir Putin sind viele Europäer stumm. Im linken Lager schweigen jene, die schon immer nur dann protestierten, wenn es gegen die USA ging. Im rechten Lager, etwa in der AfD, gibt es sogar immer mehr Fans, die Putin offen feiern: als neue Version des starken weißen Mannes. Dass der Hochverehrte die von ihnen lauthals beklagten Flüchtlingswellen selbst anstößt, geht den Rechtspopulisten nicht auf.

Als sei die Weltlage nicht düster genug, pusten die USA jetzt eines der letzten Lichtlein aus. Sie drohen den Richtern des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag mit Sanktionen, sollten diese gegen US-Soldaten in Afghanistan ermitteln. Assad und Putin ist diese Politik hochwillkommen.

Dem jungen Syrer Diab zieht dies alles ein zweites Mal die Beine weg. Diab, der knapp überlebte, verkündete stolz im Krankenhaus, er habe ja das Filmmaterial. Damit könne man “eines Tages die Kriegsverbrecher zur Rechenschaft ziehen”. Armer Junge. Die Menschlichkeit ist in einen Zangengriff geraten: Für die USA ist das Recht, für Russland der Frieden nicht mehr so wichtig. Und über ganz Europa erhebt sich mit dunklem Grinsen, wie ein Sensenmann, der wahre Vater aller Probleme: der weltweit wachsende Nationalismus.

Von Matthias Koch

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