Online: 14.08.2018

Kaum Regen

Dürre in Deutschland: Wie lange halten wir noch durch?

Seit Monaten hat es in Deutschland nicht mehr richtig geregnet. Die Landwirtschaft beklagt Milliardeneinbußen, Experten sehen Gefahren für Kraftwerke, Wälder und Häuser. Ein Ende der Dürre ist nicht absehbar.

Es sind Tropfen auf den heißen Stein, buchstäblich. Die Gewitterschauer, die in diesen Tagen über Deutschland niedergehen, bringen ein kleines bisschen des ersehnten Regens - aber gegen die große Dürre, die das Land gepackt hat, vermag das so gut wie gar nichts auszurichten. Noch nie hat es in Deutschland von April bis Juli so wenig geregnet wie in diesem Jahr, und es ist kein Ende in Sicht. Was, wenn es weiter trocken bleibt - bis Ende September, bis in den Oktober, ja vielleicht sogar bis in den November? Viele Forscher halten das in diesen Tagen für möglich.

“Das wäre rekordverdächtig”, sagt Dieter Gerten vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung. Aber es sei nicht undenkbar. Und Hydrologin Kerstin Stahl von der Universität Freiburg warnt: “Alle Effekte, die wir bereits sehen, würden sich dadurch weiter verstärken.”

Diese Effekte sind zum einen das, was jeder sieht: vertrocknete Getreidefelder, die den Landwirten Missernten bescheren, ausgedörrte Flussbetten, die Schifffahrt und sogar die Wasserkühlung von Kraftwerken schwierig machen, Badeverbote in “umgekippten” Gewässern, hier und da erste Trinkwasserknappheit. All das würde sich weiter verschärfen und verstärken.

Wälder werden zu Klimakillern

Aber auch Unsichtbares wie drohende Landsenkungen des völlig ausgetrockneten Bodens stünde in manchen Regionen bevor - Wasserrohrbrüche und Schäden an Häusern wären die Folge, wie es Frankreich und die Niederlande im Supersommer 2003 erlebt haben. Und wenn die Dürre weiter anhält, werden die Wälder - eigentlich unsere Luftreinigungseinheiten Nummer eins - plötzlich zu Klimakillern. “Wenn den Bäumen Wasser fehlt, findet tagsüber kaum Fotosynthese statt, bei der ja Kohlenstoffdioxid verbraucht wird”, erklärt Andreas Marx vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ). Nachts werden die Wälder dann zur CO2-Schleuder: Die Bäume atmen das Treibhausgas aus - und nicht zu knapp. “2003 haben die Wälder netto so viel CO2 ausgestoßen, wie sie sonst in drei Jahren speichern”, sagt Marx.

Besonders hart würde anhaltende Trockenheit aber die Landwirte treffen. Denn im Oktober, spätestens im November, müssen sie das Wintergetreide aussäen, das mangels Wasser nicht aufgehen könnte. Im schlimmsten Fall würden ihnen also drei aufeinanderfolgende Ernten fehlen, erläutert Marx. Auch die Waldbrandgefahr wird übrigens nicht geringer, nur weil es inzwischen nicht mehr brüllend heiß ist - das knochentrockene Laub und die Äste brennen wie Zunder, ein Funke genügt, um die Katastrophe auszulösen.

Die Landwirtschaft ist am stärksten betroffen

Die Landwirtschaft ist am stärksten betroffen: Ein kleiner Kürbis liegt auf einem sandig trockenen Feld neben der zum Teil ausgetrockneten Kürbispflanze.

Dürre, das bedeutet einfach gesagt: Es regnet an einem Ort weniger als üblich, es gibt eine Abweichung vom Normalzustand. Was “normal” ist, hängt davon ab, um welche Region es geht. “In einer anderer Klimazone wäre die Regenmenge nichts Besonderes gewesen”, sagt die Hydrologin Stahl. In Deutschland stellt sie aber den Negativrekord seit Beginn der Wetteraufzeichnungen dar.

Die Karten des Dürre-Monitors, den das UFZ erstellt, zeigen sehr drastisch, wie sich die Trockenheit im Laufe der Monate in Deutschland ausbreitet. Erst gelb, dann orange, dann rot: Wie eine Krankheit befällt sie die Böden. Bis schließlich Mitte August große Teile Deutschlands tiefrot auf der Karte leuchten: außergewöhnliche Dürre, heißt das.

Der Dürre-Monitor des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung zeigt die Trockenheit in Deutschland - Gelb bedeutet ungewöhnlich trocken, dunk

Der Dürre-Monitor des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung zeigt die Trockenheit in Deutschland - Gelb bedeutet ungewöhnlich trocken, dunkelrot außergewöhnliche Dürre.

“An der aktuellen Dürre fällt auf, dass sie schon seit vier Monaten in Kombination mit sehr hohen Temperaturen anhält”, sagt Klimaforscher Gerten. “Das ist für Mitteleuropa ein außergewöhnliches Ereignis, wie es in den vergangenen Jahrhunderten sehr selten vorgekommen ist.” Außergewöhnlich ist auch, dass die Dürre nicht nur Südeuropa, sondern auch Mittel- und Nordeuropa, ja sogar Großbritannien trifft.

Ein “Potpourri der Schäden”

Fachleute unterscheiden vier Arten von Dürre. Die meteorologische Dürre tritt ein, wenn es im Vergleich zu Durchschnittswerten weniger Niederschlag gibt. Irgendwann folgt auf die meteorologische die agrarische Dürre: Der Regenmangel macht sich in den Böden bemerkbar, ihre Feuchtigkeit nimmt ab, sie trocknen immer tiefer aus. Führen auch die Flüsse weniger Wasser, ist die hydrologische Dürre eingetreten. Und als Folge aus all dem kommt die sozioökonomische Dürre - sie bezeichnet die Summe der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgeschäden, die durch den Wassermangel entstanden sind. Und das sind schon jetzt nicht wenige. Ein “Potpourri der Schäden” nennt es Umweltforscher Marx vom UFZ.

Am schlimmsten trifft es bisher die Landwirtschaft. Im April und Mai hätte das Getreide dringend Wasser gebraucht, jetzt ist es vertrocknet. Als nächstes sind die Kartoffeln dran, auch für den Mais ist es fast zu spät. Ähnlich sieht es in den Wäldern aus: Die neuen Triebe sind vertrocknet, die Bäume nicht gewachsen. Dazu kommen die Waldbrände. Marx schätzt, dass - so wie in der Landwirtschaft - auch in der Forstwirtschaft die Schäden in die Milliarden gehen werden.

Die Wasserkrise wird zur Energiekrise

Seit Juni macht sich auch die hydrologische Dürre in Deutschland bemerkbar. In Dresden fuhren die Ausflugsdampfer nicht mehr, die Schiffe auf dem Rhein konnten nicht voll beladen werden. In der Folge müssen Kraftwerke ihre Leistung reduzieren, weil sie nicht mehr genug Kohle bekommen. Eine hohe Wassertemperatur hat zudem Auswirkungen auf den Betrieb beispielsweise von Atomkraftwerken und Fabriken. “Spätestens wenn die Wassertemperatur in Flüssen 28 Grad überschreitet, darf das Wasser nicht mehr zur Kühlung verwendet werden”, sagt Marx. Aus der Wasserkrise kann schnell eine Energiekrise werden.

Wenn Seen und Flüsse niedrige Pegelstände haben, hat das auch Folgen für die Wasserqualität, erklärt Hydrologin Stahl. Wenig Wasser bedeutet weniger Verdünnung: Die Konzentration etwa von Nährstoffen nimmt in ungesundem Maß zu. Wenn gleichzeitig die Temperaturen hoch sind, vergrößert sich die Population von Algen und Wasserpflanzen über das normale Quantum hinaus. Die Pflanzen verbrauchen zu viel Sauerstoff, wodurch vor allem kleinere Gewässer “umkippen” können. Für Fische ist das lebensbedrohlich - wenn sie nicht sowieso schon auf dem Trockenen liegen.

Um all diese Probleme zu lösen, reichen keine kurzen Gewitterschauer. Auch keine gelegentlichen Starkregengüsse - denn ist der Boden erst einmal richtig trocken, braucht es Zeit, bis wieder Wasser in tiefere Schichten vordringt. Regnet es stark, aber nur kurz, läuft das Wasser einfach ab, bevor es viel Gutes tun konnte. “Ein langer Landregen wäre nötig”, sagt Stahl. “Ein, zwei Wochen immer wieder Niederschläge, dann ist der Oberboden feucht, die Vegetation hat ihren Durst gestillt, und das Wasser kann in tiefere Schichten und bis zum Grundwasser vordringen.” Erst wenn sich der Boden wie ein Schwamm vollgesogen hat, gibt er auch wieder genügend Wasser an die Flüsse ab. Aber dieser erlösende Moment liegt offenbar noch in weiter Ferne.

Grundwasservorräte sind noch gut befüllt

Dennoch: So endzeitlich das alles klingt, so wenig Alarmstimmung herrscht - noch - bei den Experten. Dass beispielsweise eines Tages bundesweit nur noch Tröpfchen aus dem Wasserhahn kommen, ist vorerst nicht zu befürchten. “Die Talsperren und die Grundwasservorräte sind meist noch gut gefüllt”, beruhigt Klimaforscher Gerten; dank des ziemlich nassen Jahres 2017 hätten sich komfortable Vorräte angesammelt. Das aber sei einfach Glück: “Wäre das nicht der Fall, hätten wir eine noch viel stärkere Dürresituation.”

Wenn aber nicht bald Nachschub komme, könnten vereinzelte Trinkwasserquellen austrocknen, warnt der Experte. Noch mehr Gemeinden, die lokale Quellen nutzen, müssten dann zum Wassersparen aufrufen oder sich an andere Versorger wenden. “Man sollte hoffen, dass sich die Dürre sich nicht in den Winter fortsetzt”, sagt Gerten. Denn das hieße: schlechte Ausgangsbedingungen fürs nächste Jahr. Und wer weiß, ob 2019 nicht schon wieder mit Trockenheit und Hitze aufwartet. Fest scheint zu stehen, dass extreme Sommer häufiger werden. Bereits zur Mitte des Jahrhunderts, so zeigen Klimamodelle, wird es mehr Hitze- und Dürreperioden geben, zugleich aber auch mehr Starkregen und heftigere Stürme. Der Sommer 2018 könnte also nur ein kleiner Vorgeschmack sein auf das Extremwetter der Zukunft.

Von Anna Schughart/RND

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