Online: 17.08.2018

Klimawandel

So arbeiten Klimafolgen-Forscher

Paris-Abkommen, Papst-Enzyklika, Kohlekommision: Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) ist enorm einflussreich. Aber wie arbeiten die Wissenschaftler dort eigentlich?

Anfang August sitzt der AfD-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Alexander Gauland, im ZDF-Sommerinterview auf dem Deck des Potsdamer Theaterschiffs “Sturmvogel” und sagt ganz lapidar: “Ja, es gibt einen Klimawandel. Dass der Mensch viel dazu beitragen kann, glaube ich nicht.”

Fast zeitgleich warnt das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) vor einer “Heißzeit” auf unserem Planeten. Treibhausgase aus Industrie und Landwirtschaft brächten “das ganze Erdsystem aus dem Gleichgewicht”, so PIK-Direktor Hans Joachim Schellnhuber. Der Meeresspiegel drohe, so eine neue Studie, um 10 bis 60 Meter anzusteigen. Potsdam liegt 32 Meter über dem Meeresspiegel.

Eine Stadt, zwei Welten.

Der Chef ist ein Pop-Star

Die PIK-Warnung machte bundesweit Schlagzeilen - wie so vieles, was die Denkfabrik veröffentlicht. Das Institut auf dem Potsdamer Telegrafenberg hat maßgeblich die Klimapolitik der Bundesregierung geprägt. Gründungsdirektor Hans Joachim Schellnhuber war Angela Merkels Berater, er hat die Umweltenzyklika des Papstes mit entworfen, unter Schirmherrschaft von Prince Charles einen Gesprächskreis von Nobelpreisträgern etabliert und mit der Formulierung des “Zwei-Grad-Ziels” entscheidend Einfluss auf das Pariser Klimaabkommen von 2015 genommen. Kritikern tritt der Bayer zu prophetisch auf. Kurz: Der Mann ist einer von Deutschlands wichtigsten Intellektuellen, ein Pop-Star - und das PIK ist seine Big Band.

Gemeinsam bieten sie der Gegenaufklärung die Stirn, welche die Menschheit vom Verdacht freisprechen möchte, etwas mit schmelzenden Eisbergen und brennenden Wäldern zu tun zu haben. So prominent der PIK-Chef ist, so wenig weiß die Öffentlichkeit darüber, wie die 200 forschenden Mitarbeiter eigentlich arbeiten.

Ein Supercomputer hilft

In einem kleeblattförmigen Neubau umgeben von Waldbäumen liegt Jessica Streflers Büro. Vor ihrem Fenster räkelt sich eine Kiefer im Wind. Eichhörnchen, Spechte und ein Rehbock besuchen regelmäßig das Idyll. “Man kann den Beitrag des Menschen am Klimawandel schon leugnen”, sagte die promovierte 36-Jährige. “Genauso wie man auch die Erdanziehungskraft leugnen kann - aber man stürzt dann trotzdem. Die physikalischen Gesetze gelten für alle, ob sie daran glauben oder nicht.”

Strefler beschäftigt sich damit, wie sich das Treibhausgas Kohlendioxid vermeiden oder wieder einfangen lässt - etwa durch Aufforstung. Oder durch CO2-Verpressung in poröse Erdschichten.

Streflers Arbeit besteht zu einem guten Teil darin, den Rechner im Keller des PIK-Neubaus mit Daten zu füttern. Ob Bevölkerungswachstum, Verkehr, Industrieproduktion, Waldbestand - alle verfügbaren Daten jagen die PIK-Forscher durch den Supercomputer, der im Jahr 2015 zu den 400 schnellsten weltweit zählte. Solche Rekorde halten heutzutage allerdings nicht lang in Zeiten explodierender Rechnerleistung. Als die PIK-Leitung den 4,4 Millionen Euro teuren Computer bestellte, plante sie einen kompletten Raum ein. Als das Gerät geliefert wurde, war es nurmehr so groß wie ein paar Regale.

Rechenaufgaben kurz vor Feierabend

Also starrt man weitgehend ins Leere, wenn man das Maschinenhirn des PIK besichtigt. Hinter einer Sicherheitsglasscheibe blinken ein paar grüne Leuchten. Mit der Abwärme der Geräte wird im Winter der Neubau geheizt. Meist stellen die Forscher ihre Aufgabe dem Rechner vor Feierabend - und gehen dann nach Hause, sagt Hermann Lotze-Campen, Leiter des Forschungsbereichs Klimawirkung und Vulnerabilität. Am nächsten Morgen liegt dann ein Ergebnis vor. Die so entstandenen Klimaszenarien sind die Spezialität des Instituts.

Der Direktor des Institutes für Klimafolgenforschung in Potsdam Hans Joachim Schellnhuber

Der Direktor des Institutes für Klimafolgenforschung in Potsdam Hans Joachim Schellnhuber.

Man könne kritisieren, dass PIK-Mitarbeiter den Regenwald nur selten selbst in Augenschein nähmen, sagt Lotze-Campen. Es gebe aber eine Arbeitsteilung zwischen Forschern, die sich in Zentralafrika oder im Amazonas besonders gut auskennen und solchen, die deren Ergebnisse weltweit einordnen. Das eine funktioniere nicht ohne das andere. Lotze-Campen trägt Shorts und Sandalen. Er ist auf einem Bauernhof in Ostfriesland aufgewachsen, hätte die Landwirtschaft auch übernommen. Doch geriet er beim Studium der Agrarökonomie tief in theoretische Gefilde und fand nicht zurück auf die fruchtbaren Äcker hinterm Deich. Heute betreiben seine Schwester und sein Schwager den elterlichen Hof.

Voraussagen bis zum Jahr 2100

Seine agrarökonomischen Simulationen speist Lotze-Campen, der auch eine Professur an der Humboldt-Universität in Berlin innehat, in die Klimaprognosen des Instituts ein. So erhält er Voraussagen, teils reichen sie bis zum Jahr 2100. Mit denen kann Politik dann arbeiten.

An der Wirklichkeit eines vom Menschen mitverursachten Klimawandels könne kein seriöser Wissenschaftler zweifeln, sagt Lotze-Campen. “Wenn man Kohlendioxid, Lachgas und Methan in die Atmosphäre bläst, wird es wärmer.” Das habe der dänische Wissenschaftler Svante Arrhenius schon vor 110 Jahren erkannt. “Seine ersten Schätzungen waren erstaunlich exakt.” Was ihn manchmal “etwas ratlos” mache, sei der Widerstand gegen Veränderungen, sagt Lotze-Campen. “Wenn es in Deutschland mit unserer aktuell guten wirtschaftlichen Situation und unserem Arbeitsmarkt so schwierig ist, den Braunkohleausstieg in der Lausitz zu beschließen und umzusetzen - wie soll es Ländern gehen, die in Wirtschaftskrisen stecken?”

Das wissenschaftsgeschichtliche Erbe, das in den denkmalgeschützten Gebäuden auf dem Telegrafenberg steckt, ist allen am PIK eine Verpflichtung. Im Hauptgebäude mit den drei Observationskuppeln ersann der Astro-Physiker Karl Schwarzschild wichtige Formeln zur Entstehung von Schwarzen Löchern. Albert Einstein forschte in dem expressionistischen, einem U-Boot-Kommandoturm gleichenden Observatorium, bevor er emigrierte. Dieser bewaldete Hügel in Laufweite zum Potsdamer Hauptbahnhof gehört zu den Heiligtürmern der Moderne.

AfD-Klimaprogrammatik ist “eine Spinnerei”

Das Zusammenwirken verschiedener Disziplinen - zum Beispiel Ökonomie, Physik, Meteorologie, Geologie, Mathematik und Agrarwissenschaften - gehören zur DNA des Instituts. Es gibt sogar eine Mittagessens-Lotterie: Wer mitmacht, erhält per Zufallsgenerator einen Tischnachbarn zugelost.

Die Mathematikerin Ronja Reese ist eine, die den Rechner-Orbit verlassen hat. Die 30-Jährige sitzt im schallgedämmten Vorraum zum Supercomputer, klappt ihr Laptop auf. Sie lässt einen Film abspielen - er zeigt das abschmelzende Eis am Südpol.

Anfang des Jahres heuerte sie für zwei Monate auf einem Forschungsschiff an. Die “Polarstern” schipperte sie von Südafrika bis zur antarktischen Eiskante und Chile. In dicke Overalls gehüllt, zog Reese Bohrkerne aus Eisschollen und setzte Messgeräte in der weißen Wüste aus. Gerade hat Ronja Reese ihren Doktor gemacht. Rückschläge haben die Klimafolgenforscher zuhauf einstecken müssen. Vor allem: Die USA sind aus dem Pariser Klima-Abkommen ausgetreten. “Für mich ist es erschreckend, dass in Teilen der Politik wissenschaftliche Erkenntnisse geleugnet werden”, sagt Reese.

PIK-Chef Schellnhuber ist weniger diplomatisch: Er nennt die AfD-Klimaprogrammatik “eine Spinnerei”, die aber “nicht harmlos ist”.

Von Ulrich Wangemann/MAZ/RND

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