Online: 17.08.2018

Auf der Couch - der Expertentipp

So unterscheiden Sie den Traum vom wahren Job

Wenn Sie freie Wahl hätten unter allen Arbeitsplätzen Ihrer Branche - welchen würden Sie wählen? Die meisten Menschen nennen alle möglichen Jobs, nur nicht ihren eigenen. Offenbar haben sie sich für den Spatz in der Hand entschieden, statt nach der Taube auf dem Dach zu greifen.

Doch wie wollen sie erfahren, ob die eigentlich gewünschte Position nicht doch erreichbar ist, wenn sie sich nicht mit aller Kraft nach ihr strecken?

Obwohl: Bei zwei von drei Traumjobs sind der Traum und der Job nicht dasselbe. Ganz egal, ob jemand mit einer Position im Ausland, einer Führungsaufgabe oder einer Geschäftsgründung liebäugelt: Seine Erwartungen haben oft viel mit ihm und wenig mit dem Job zu tun. Zum Beispiel habe ich schon reihenweise Fachkräfte erlebt, die unbedingt in die Führungsetage aufsteigen wollten. Aber als ihnen der Aufstieg endlich gelungen war, wurden sie mit dem Job nicht warm: zu viele Meetings, zu viel Bürokratie, zu viele Gewissenskonflikte, wenn sie Entscheidungen nach unten vertreten mussten, die ihren Überzeugungen widersprachen. Ihre Arbeitsfreude nahm oft im selben Maße ab, wie die Zahl auf dem Gehaltszettel wuchs - unterm Strich ein schlechtes Geschäft.

Wenn das Traumschiff an den Klippen der Realität zerschellt

Wer eine Wunschposition ins Visier nimmt, sollte vorher so viel über diesen Job herausfinden, dass er ihn sich lebhaft vorstellen kann. Ein guter Ratschlag: Prüfen Sie den Alltag und das Glück desjenigen, der eine vergleichbare Position schon innehat. Zum Beispiel habe ich einen Informatiker beraten, der wild entschlossen war, eine Computerfirma zu gründen. Er malte sich aus, mit einem kleinen Hebel viel zu bewegen und sich dabei eine goldene Nase zu verdienen. Er meinte: “Bislang sackt mein Arbeitgeber den Gewinn ein - jetzt arbeite ich in die eigene Tasche.”

Ich schlug ihm vor, sich vorher mit zwei erfolgreichen Gründern der IT-Branche auszutauschen. Was er dabei erfuhr, vor allem über die Arbeitszeiten und über das “Klinkenputzen”, ließ sein Traumschiff an den Klippen der Realität zerschellen. Auf einmal wurde ihm klar, dass die Aufträge eines Selbstständigen nicht von alleine kommen - und dass es mit geregelten Arbeits- und Urlaubszeiten vorbei wäre. Da schien ihm seine Festanstellung auf einmal wieder attraktiver. Durch Gespräche mit IT-Projektleitern seiner Firma fand er heraus, dass diese Laufbahn sein Ding war.

Auch die Schattenseiten beleuchten

Ganz egal, welche Position oder welche Firma, welche Ausbildung oder welches Studium Sie anstreben: Sprechen Sie vorher mit Menschen, die damit schon Erfahrung haben - je mehr Meinungen Sie hören, desto mehr wächst Ihre Entscheidungssicherheit. Ein solcher Austausch ist heute einfacher denn je, zum Beispiel über soziale Netzwerke. Fragen Sie, wie ein typischer Tag in einem bestimmten Beruf oder auf einer bestimmten Hierarchieebene abläuft. Erkundigen Sie sich nicht nur nach den Vorzügen, sondern auch nach den Schattenseiten. Wie sehen anstrengende Tage aus? Was nervt? Was kostet Kraft?

So lernen Sie die Vor- und die Nachteile aus erster Hand kennen und können beides gegeneinander abwägen. Ist Ihre Traumposition immer noch reizvoll? Wenn nein, macht das Energie für andere Wege frei. Wenn doch, werden Sie merken: Der direkte Austausch beflügelt Ihre Motivation, nach der vermeintlichen Taube zu greifen. Nicht selten werden Infos und Kontakte aus den Gesprächen Ihnen helfen, Ihre Wunschposition doch noch einzufangen.

Mehr über den Autor auf: www.gehaltscoach.de

Von Martin Wehrle

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