Online: 05.09.2018

Kunst im All

“Glänzender Scheiß”: Satelliten-Skulptur verärgert Raumfahrtbranche

Ist das Kunst oder Weltraumschrott? Ein US-Künstler will eine glänzende Skulptur ins All befördern. Die Fachwelt ist darüber weniger begeistert.

Im Weltall geht es richtig rund: Fast 1800 Satelliten fliegen laut Liste der Vereinten Nationen schon durchs Orbit, allein 2017 starteten gut 550 neue Objekte. Die künstlichen Himmelskörper bringen TV-Sendungen und Telefongespräche von Ort zu Ort, sie vermessen die Erde, sammeln Wetterdaten, helfen beim Navigieren oder dokumentieren neuerdings auch die Wanderbewegungen von Wildtieren.

Hinsichtlich des galaktischen Verkehrs trifft das neue Projekt eines US-Künstlers nicht allseits auf Zuspruch: Trevor Paglen will im November den “Orbital Reflector” in 580 Kilometer Höhe auf Reise schicken - einen Satelliten, der komplett nutzlos ist. Vielmehr sei die schillernde, spiegelnde Skulptur als “rein künstlerische Geste” zu verstehen und wie ein Museumsexponat am Himmel zu betrachten, wie Paglen sagt.

Astronomen und Raumfahrtagenturen wollen kein “Freilichtmuseum” und warnen vor immer neuem Weltraumschrott. Schon als im Januar ein Spiegel-Ball namens “Humanity Star” - und damit ebenfalls als Kunstobjekt - ins All geschossen wurde, fürchteten einige um ihre Messungen. “Dieses Projekt steuert nichts bei, was wir nicht schon haben”, twitterte jetzt Wissenschaftler Mark McCaughrean von der Europäischen Weltraumorganisation Esa.

“Viele Menschen würden ein bisschen mehr Ehrfurcht vor der natürlichen Welt schätzen statt noch eine weitere künstliche Konstruktion hinzuzufügen”, schreibt Caleb Scharf, Direktor des Columbia Astrobiology Center in New York im Fachmagazin “Atlantic”. Der Nachthimmel, meint er, sei wie ein “bedrohtes Tier, das sich am besten im Naturzustand betrachten lässt”.

Doch Paglens “glänzender Scheiß”, wie seine Skulptur in den USA verspottet wird, hat auch Fans: Das Nevada Museum of Art unterstützt den Künstler. Ein Spendenaufruf bei Kickstarter brachte ihm 76.000 Dollar (65.000 Euro) ein - auch wenn das bisher nur ein Bruchteil der Gesamtkosten von 1,3 Millionen Dollar (1,1 Millionen Euro) ist. Und sofern die US-Behörde FCC den Start zulässt, soll eine “Falcon 9”-Rakete von Elon Musks Unternehmen SpaceX als Taxi in den Orbit dienen, wo sich ein 30 Meter langer, diamantenförmiger Ballon öffnen soll.

Skulptur soll nach einigen Wochen verglühen

US-Künstler Paglen versteht den Ärger um seinen Satelliten nicht. Immerhin würde dieser schon nach einigen Wochen in die Atmosphäre eintreten und verglühen, somit also “keine Spuren hinterlassen”, versichert er. Das kann man von anderen Aktionen nicht behaupten: Im Februar schoss Tesla-Gründer Elon Musk einen kirschroten Sportwagen mit seiner neuen Falcon-Heavy-Rakete auf ewig in Richtung Mars. Experten rechnen, dass der zunehmend verbeulte Autoschrott letztlich Hunderttausende von Jahren im Orbit überdauern kann.

Von Sonja Fröhlich/RND/dpa

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