Online: 10.09.2018

Fall Küblböck

Suizide in Deutschland: “Wir müssen mehr auf die Ursachen gucken”

Der Fall Küblböck wirft auch die Frage auf, warum Menschen Suizid begehen. Die Dresdener Psychologin Ute Lewitzka warnt davor, Betroffene zu stigmatisieren.

Der Fall Küblböck wirft auch die Frage auf, warum Menschen Suizid begehen. Ute Lewitzka, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie an der Uniklinik Dresden und stellvertretende Vorsitzende der Gesellschaft für Suizidprävention (DGS) spricht im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland über die Ursachen der Selbsttötungen und darüber, wie die Prävention unterstützt werden könnte.

Frau Lewitzka, wie bewerten Sie den Fall Küblböck aus psychologischer Sicht?

Allein in Deutschland nehmen sich jedes Jahr ungefähr 10.000 Menschen das Leben. Das sind mehr als durch Verkehrsunfälle, Gewalt, illegale Drogen und Alkohol zusammen. Wenn Prominente Suizid begehen - was in diesem Fall noch nicht klar ist - sollten wir als Gesellschaft sehr vorsichtig damit umgehen, damit es nicht zu einem Nachahmungen, dem sogenannten Werther-Effekt, kommt.

Wie lässt sich das am besten vermeiden?

Natürlich lässt sich ein prominenter Fall nicht verschweigen. Aber es sollte unbedingt auf eine überproportionale, detaillierte Darstellung der Selbsttötung verzichtet werden. Wir sollten vielmehr genauer auf die Ursachen gucken, die dazu führen, dass Menschen sich selbst töten. Wichtig ist auch, die Selbsttötung nicht allein auf depressives oder narzisstisches Verhalten zu stigmatisieren.

Welche Gründe führen zu Suiziden?

Es gibt Risikofaktoren wie psychische Erkrankungen, Depressionen, Angststörungen, Suchterkrankungen oder andere schwerwiegende Lebensereignisse wie sexueller Missbrauch, die zu großer seelischer Not führen können. In einigen Fällen spielen auch akute Lebenskrisen eine Rolle. Es gibt aber nicht die alleinige Ursache. Jeder Suizidfall muss für jeden Menschen individuell betrachtet werden.

Im Fall Daniel Küblböck könnte das Thema Mobbing eine Rolle gespielt haben. Studien zeigen, dass besonders Cybermobbing zunehmend ein Problem unter jungen Menschen ist.

Das ist so. Das Mobbing über soziale Netzwerke hat eine andere Tragweite: Es verbreitet sich sehr schnell und entfaltet eine unglaubliche Dynamik. Deshalb sollte das Thema psychische Gesundheit auch schon in der Grundschule auf dem Lehrplan stehen. Das tut es aber leider nicht.

Man sollte annehmen, dass Prominente mit übler Nachrede und Angriffen im Netz umgehen können, dass sie quasi abgehärtet sind.

In der Praxis ist aber häufig das Gegenteil der Fall: Gerade Schauspieler oder Musiker sind oft hochsensible, feinfühlige Menschen. Das müssen sie auch, um ihre Rollen gut spielen zu können. Auf der anderen Seite fällt es ihnen schwer, mit Negativschlagzeilen oder Mobbing umzugehen.

Wie kann man helfen, wenn ein Angehöriger, Freund oder Kollege potenziell suizidgefährdet ist?

Man sollte denjenigen konkret, aber geschickt darauf ansprechen und etwa anbieten, gemeinsam einen Hausarzt zu besuchen oder bei der Suche nach einem Psychologen zu helfen. Wichtig ist, den Druck des Betroffenen zu nehmen, bis er aus der akuten Krise herauskommt.

Haben Sie Suizidgedanken? Dann wenden Sie sich bitte an folgende Rufnummern: Telefon-Hotline (kostenfrei, 24 h), auch Auskunft über lokale Hilfsdienste: 0800 - 111 0 111 (ev.) 0800 - 111 0 222 (rk.) 0800 - 111 0 333 (für Kinder / Jugendliche) Email: unter www.telefonseelsorge.de

Von Sonja Fröhlich/RND

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