Online: 08.01.2016 - ePaper: 09.01.2016

Nach Lüchow-Dannenberg hatten sie schon Jahrzehnte zuvor eine Bindung: Jetzt hat das Komponistenpaar Babette Koblenz und Hans-Christian von Dadelsen Clenze endgültig zu seinem Wohnort gemacht. Warum, das erzählen sie in einem weiteren Teil der EJZ-Serie "Na DAN(N)".

Was zwei Komponisten erst nach mehreren Jahrzehnten Bindung nach Lüchow-Dannenberg verschlug

ZoomSchon seit 1988 sind Babette Koblenz und Hans-Christian von Dadelsen dem Wendland verbunden. Jetzt leben sie in Clenze.

Lüchow-Dannenberg gilt als ausblutende Region. Doch es gibt Menschen, dir hier leben wollen und nirgendwo sonst. Die EJZ-Serie "Na DAN(N)" stellt Menschen vor, die neu nach Lüchow-Dannenberg oder dorthin zurück gezogen sind. Teil 42: Babette Koblenz und Hans-Christian von Dadelsen aus Clenze.

tj Clenze. Umzug mit vier Klavieren: Wie geht das? Diese Frage stellt sich bei Babette Koblenz und Hans-Christian von Dadelsen in Clenze: Ein kleiner Flügel im Erdgeschoss - "der ging nicht die Treppe hoch" - zwei traditionelle und ein elektrisches Klavier stehen in den Zimmern. Das Komponistenehepaar lebt seit dem Herbst fest dort. Die Klaviere: Handwerkszeug.

Ideenwerkzeug. Denn die ersten Vorstellungen beider für ihre Kompositionen, erzählen sie, entstünden meist beim freien Spiel am Klavier. Dabei kommt ein Prozess in Gang, den Babette Koblenz so beschreibt: "Wenn ich lange improvisiere, dann gibt es auf einmal Spuren, unsichtbare Wege, die man geht." Dann werden sie notiert "real festgehalten". Später komme die satztechnische Arbeit, die Durchformung der Idee. Es brauche, sagt Hans-Christian von Dadelsen, "eine Balance von Konzept und einer direkten Realität, die im Fluss entsteht".

Die beiden sprechen über ihre Musik. Doch die Sätze könnten auch ihren Weg nach Clenze beschreiben. Als wenn sich ihr Leben in ihrer Musik spiegelt. Oder umgekehrt? Gekauft hatten die beiden das Haus in Clenze rund eineinhalb Jahrzehnte bevor sie sich entschieden, fest dort zu leben. Gut Ding wollte Weile haben. Doch die Verbindung zum Landkreis Lüchow-Dannenberg begann für sie noch weitaus früher als der Kauf des Hauses in Clenze, das sie viele Jahre nur als Rückzugsort nutzten. Sie begann 1988, als Babette Koblenz und Hans-Christian von Dadelsen neun Monate lang mit ihrem damals fünfjährigen Sohn als Stipendiaten auf dem Künstlerhof Schreyahn wohnten.

Der Boden eines Zimmer voll mit selbst gesammelten Wallnüssen, erinnern sie sich, 20 Flaschen Saft von selbst gesammelten Äpfeln, bei der Ankunft eine Autorin, die an einem Tisch auf einer Wildwiese arbeitete, die der Sohn spielend entdeckte - "irgendetwas hat uns hier berührt, in der archaischen, ungekünstelten Schlichtheit", die "uns vorgekommen ist wie Welten weg von Hamburg", wo sie damals lebten und studierten. Bei einem der Großen der Musik des 20. Jahrhunderts, bei György Ligeti, und davor bei Dieter de la Motte, der ihnen den Tipp mit Schreyahn gab.

Wiedergekommen sind sie seitdem immer wieder, erstmal als Tagesbesucher, als Camper, zum Schreyahner Herbst, dessen Gründer Gerald Humel sie 1988 kennengelernt hatten. Schon damals aber hätten sie sich Häuser angesehen, erinnert sich der 67-Jährige Komponist, "aber wir hatten nicht das nötige Kleingeld". Wären sie damals schon ins Wendland gezogen, hätte das "unseren künstlerischen Weg verändert", sagt die 59-jährige Babette Koblenz. So hat Lüchow-Dannenberg diesen bisher nur beeinflusst. In den Jahren vor dem Kauf des Clenzer Hauses entstand etwa ihr bei der Münchener Biennale uraufgeführtes Musiktheater "Recherche". Sie wisse nicht, "ob ich das hier geschrieben hätte". Hans-Christian von Dadelsen hat sein Musiktheater "Cinema" dagegen in den Jahren komponiert, in denen das Haus in Clenze den beiden schon gehörte. Ihr Sohn, erinnern sie sich, konnte in diesen Jahren dort alles bauen, was in Hamburg nur "in Lego ging". Er ist heute Bauingenieur.

Die Entscheidung, ganz nach Lüchow-Dannenberg zu gehen, fiel dann als "uns die Hamburger Wohnung wegsaniert wurde". Doch einer der unsichtbaren Wege in Musik und Leben führte zunächst in den Süden, nach Singen, wo Hans-Christian von Dadelsen als Musiklehrer an einem Gymnasium arbeitete. "Eine sehr geschlossene Gesellschaft dort", resümiert Babette Koblenz. Lüchow-Dannenberg dagegen beschreibt ihr Mann mit zwei Worten: "locker, liberal". Das "Normale untermischt mit Gedanken und Menschen, die anderes wollen".

Trotzdem lassen Babette Koblenz und Hans-Christian von Dadelsen vor dem Hintergrund der zwölfjährigen hamburgisch-wendischen Doppelexistenz offen, wie es weitergeht. "Wir überlegen was mit uns geschieht. Und vielleicht finden wir noch einmal ein zweites Standbein anderswo, ein Guckloch in eine andere Welt."

^ Seitenanfang