Online: 01.08.2017 - ePaper: 02.08.2017

Eine obdachlose Club-Generation

Im P6 in Dannenberg gingen am Wochenende die Lichter aus - für immer?

Dannenberg. Als er am Sonntagmorgen ein letztes Mal seine Disco, das P6 in Dannenberg, zuschließt, kann Jörn Harms nicht lächeln. Brechend voll war der Club an diesem letzten Abend gewesen, bei der "Abrissparty", wie Harms, den alle nur "Mosh" nennen, die Party angekündigt hatte. Doch es war eben nur ein letztes Aufflackern vor dem Ende. Dem Ende des P6. "Das ist hart", sagt der Disco-Betreiber. Hart für ihn und seine Frau Katja, die viel Energie, Zeit und Geld in Lüchow-Dannenbergs letzte Discothek investiert und sie zum Zentrum des Nachtlebens zwischen Schnega und Schnackenburg gemacht hatten. Hart aber auch für das Lüchow-Dannenberger Party-Publikum, das jetzt in einem disco-losen Landkreis lebt. Und hart für die Region, denn mit dem P6 schließt ein wichtiges Stück Infrastruktur. Ein Club, der eine Partygänger-Generation prägte - und der Maßstäbe setzte.

"Das ist unsere Disco", lächelt früher am Abend die 17 Jahre alte Luisa. Sie kommt aus Lüchow, "eigentlich sind wir jedes Wochenende hier", erzählt sie. Weil im P6 immer viel los sei, man Leute treffe und Spaß haben könne. Aber natürlich auch, weil es in Lüchow-Dannenberg und der näheren Umgebung nichts anderes gibt. Ihre Freundin Lisa kommt aus Salzwedel, wo - sollte man meinen - mehr los sei, doch auch für sie kommt fürs Feiern "nur das P6 in Frage". Es sei "einfach Mist, dass das hier zumacht, alle hoffen, dass es weitergeht. Was soll man denn sonst machen?" Die Wege nach Lüneburg oder Uelzen seien weit, was "man in Kauf nimmt, wenn es nicht anders geht", sagt Lisa. Aber das P6 sei nun einmal "der Club, wo man Freunde trifft: Es ist unsere Disco".

Ob sie das wieder werden wird, steht in den Sternen. Die Eigentümer, eine Gruppe Dannenberger Geschäftsleute, hatten das P6 verkauft (EJZ berichtete), und der Käufer hatte auch versichert, eine Discothek betreiben zu wollen. Doch nicht nur "Mosh" Harms glaubt nicht daran, dass das auch wirklich passiert. Wer sich umhört in der Szene, der stößt auf Skepsis. Niemand hat etwas von einem neuen Betreiber gehört, niemand kennt wen, der was weiß, niemand glaubt, dass die Pyramidendisco wieder an den Start geht. Dafür ist von Problemen der im Jahr 2000 eröffneten Disco die Rede, von undichten Fenstern, von Wasser im Gebäude, von einer nicht mehr zeitgemäßen Heiz- und Lüftungsanlage. 150000 Euro soll der Käufer für das einst für 2,5 Millionen Euro gebaute Gebäude auf den Tisch gelegt haben, ebenso viel soll die Instandsetzungen kosten. Geld, das erst einmal wieder reinkommen muss. Schwierig im ländlichen Raum, wo man eben nicht Eintritts- und Getränkepreise beliebig hochschrauben kann, ohne es sich mit dem Publikum zu verscherzen.

Ein Publikum, zu dem auch Thorben, Christoph und Felix gehören. "Irgendwie sind wir hier im P6 ja aufgewachsen. Mangels Alternativen, klar, aber es ist ja nicht so, dass wir hier keinen Spaß hatten", sagt Thorben. Alle Freunde seien da, und "auch wenn viele meckern, dass es hier blöd ist, kommen sie doch immer wieder. Weil es hier eigentlich ziemlich geil ist", sagt Christoph. "Gefühlt kennt jeder jeden, man findet immer wen zum Quatschen", findet auch Felix. "In der Stadt mögen 3000 Leute in einem Laden sein, aber irgendwie ist doch jeder für sich. Das ist hier anders." Das weiß auch Jörn Harms. "Die Leute kommen wegen der Freunde und bleiben, weil es ihnen gefällt. Weil ihnen gefällt, was und wie wir es machen." Daher würden Katja und Jörn Harms auch gern weiter Disco machen in Lüchow-Dannenberg. Und daran arbeiten sie.

Über den Sommer lässt sich das Party-Loch, das das P6 hinterlässt, überbrücken. Noch bis Ende September stehen Feten, Parties und Feste auf dem Programm. Doch dann, wenn die Tage kürzer werden, könnte die Zeit vielen lang werden. Die Zeit, bis man in Lüchow-Dannenberg wieder in den Club kann.

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