Online: 28.12.2017 - ePaper: 29.12.2017

Erst Phantom - jetzt Serienkiller?

Die Göhrde-Morde sind mitnichten aufgeklärt - dazu fehlt es derzeit einfach an Beweisen

ZoomDas Hamburger Institut für Rechtsmedizin stellte 2014 auf der Herbsttagung des Heimatkundlichen Arbeitskreises Lüchow-Dannenberg die Auffindesituation der Göhrde-Morde nach. Jetzt haben Angaben der Polizei zufolge DNA-Spuren den Mordverdacht auf den schon lange toten ehemaligen Friedhofsgärtner Kurt-Werner W. gelenkt.

Röthen. Die Göhrde-Morde seien aufgeklärt: Mit dieser doch etwas optimistischen Schlagzeile haben zahlreiche Medien uns in der Nacht zu Donnerstag und am Donnerstagmorgen überrascht. Auch die EJZ auf ihrer überregionalen Deutschland-Seite. Wahr ist: Die Morde sind mitnichten aufgeklärt. Es gibt allenfalls ein deutliches Indiz, das auf einen längst verstorbenen ehemaligen Friedhofsgärtner hindeutet: Kurt-Werner W. aus Lüneburg. Er soll, so lautet die korrekte Schreibweise, im Sommer 1989 fünf Menschen getötet haben, darunter die vier Göhrde-Opfer. Die Polizei hat den Fall seit geraumer Zeit neu aufgerollt und hatte in einem der Fluchtautos der Opfer eine DNA-Spur gesichert, die sie dem Tatverdächtigen Kurt-Werner W. zuordnet. Es handelt sich dabei offenbar nicht um die zwei Haare, deren DNA jahrelang als Schlüssel galt, um den Fall eines Tages aufklären zu können. Die Haare waren nämlich braun. Kurt-Werner W. war blond.

Neben der DNA-Spur im Auto verweist die Polizei auf weitere Indizien gegen den Verdächtigen: Bei einer Hausdurchsuchung habe man bei Kurt-Werner W. Videoaufzeichnungen von Fernsehsendungen über die Göhrde-Morde gefunden sowie Bildschirmtext-Auszüge mit aufgelisteten Namen mit Bezug zu einem der Opfer der Göhrde-Morde. In den Fokus für die Göhrde-Morde geriet der Tatverdächtige über einem anderen Fall: den der damals 41-jährigen Birgit Meier aus Brietlingen-Moorburg bei Lüneburg. Die war ebenfalls im Sommer 1989 verschwunden und galt jahrelang als vermisst. Es war ihr Bruder Wolfgang Sielaff, jahrelanger Chef des Landeskriminalamtes in Hamburg, der immer wieder Druck ausübte auf die Ermittler. Eine Blutspur an Handschellen wies schließlich im Fall Birgit Meier auf Kurt-Werner W. hin. Sielaff hatte parallel zu den Polizeiermittlungen ein Experten-Team aus Kriminalisten um sich gescharrt. Sie waren es auch, die im September die sterblichen Überreste Birgit Meiers entdeckt haben: unter der Garage ihres mutmaßlichen Mörders, Kurt-Werner W. (EJZ berichtete). Die Polizei teilt dazu mit: "Aufgrund der Gesamtschau aller Umstände besteht eine Wahrscheinlichkeit, dass Kurt-Werner W. bei seinen Taten nicht (immer) alleine gehandelt haben könnte. Bei Betrachtung der vorliegenden Fakten kann nicht ausgeschlossen werden, dass Kurt-Werner W. sowohl für diese als auch für weitere Taten verantwortlich ist." In Polizeikreisen ist die Rede von einem Komplizen. Ein konkreter Verdacht soll in Richtung des Bruders von Kurt-Werner W. gehen.

Die Polizei weist darauf hin, dass sie womöglich auf der Spur eines Serienmörders ist. Man will bei der Polizeidirektion Lüneburg eine sogenannte Clearing-Stelle einrichten. Damit sollen die Dienststellen in die Lage versetzt werden, ungeklärte Straftaten auf mögliche Zusammenhänge mit den Fällen aus der Göhrde zu überprüfen. Kurzum: Man glaubt einem Mörder auf der Spur zu sein, der Opfer im zweistelligen Bereich auf dem Kerbholz haben könnte.

Die neueste Entwicklung wirft mehr Fragen auf, als dass sie den Fall zum derzeitigen Zeitpunkt aufgeklärt hätte. Denn selbst mit dem DNA-Nachweis würde kein Gericht der Welt Kurt-Werner W. wegen Mordes verurteilen. Ganz davon abgesehen, dass es gegen einen Toten kein Verfahren geben kann. Kurt-Werner W. hatte sich 1993 das Leben genommen. Der Schlüssel, um doch noch ein Verfahren anzustrengen, läuft über den angeblichen Komplizen: Was weiß er? Welche Rolle hat er gespielt? Ist womöglich der Komplize der Täter und war Kurt-Werner W. nur Handlanger? Hatte Kurt-Werner W. womöglich nur das Fluchtauto aus der Göhrde gefahren? Was ist, wenn der Komplize schweigt wie ein Grab? Oder vielleicht war Kurt-Werner W. zufällig nur als Tramper in dem Auto mitgefahren? Kurzum: Die Indizien gegen Kurt-Werner W. sind erdrückend - nur bewiesen ist nichts. Er ist und bleibt vorerst: ein mutmaßlicher Täter.

Es gibt aber auch Fragen an die Polizei, deren Antworten eine Ohrfeige sein könnten: Wieso haben erst private Ermittlungen des Bruders zu mehr Bewegung in dem Fall geführt? Wieso hat sich die Polizei die Asservate mit den Spuren von 1989 erst jetzt genau angesehen? Wieso haben Politik und Ermittler den Fall solange verschleppt? EJZ-Informationen zufolge sollen es nämlich nicht neuere Verfahren zur Genanalyse gewesen sein, die jetzt die Spur zu dem Verdächtigen gelegt haben. Es soll vielmehr die Tatsache gewesen sein, dass einige Asservate erst jetzt erstmals überhaupt beim Landeskriminalamt gelandet sind. Auch die Politik und die Polizei sehen sich dem Verdacht ausgesetzt, schlampig ermittelt oder nicht genug Druck ausgeübt zu haben. Im Sommer 1989 waren bei Röthen in der Göhrde zwei Pärchen binnen weniger Wochen brutal ermordet worden: zunächst am 21. Mai das Ehepaar Peter (51) und Ursula Reinold (45) aus Bergedorf und am 12. Juli das Liebespaar Ingrid Warmbier (45) aus Uelzen und Bernd-Michael Köpping (43) aus Hemmingen. Beim zweiten Paar sprach man in Polizeikreisen von einer regelrechten Hinrichtung. gel

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