Online: 14.06.2018 - ePaper: 15.06.2018

Madsen - das EJZ-Interview zum neuen Album Lichtjahre

jz Prießeck. Die Band Madsen stand Ende Mai länger auf der Bühne der Hamburger Markthalle, als der Verkauf der mehr als Tausend Tickets für das Konzert dauerte. Die Karten waren schon nach anderthalb Stunden ausverkauft. Beim Konzert vergingen fast 90 Minuten, bis die 1200 Fans überhaupt die erste Zugabe einfordern mussten. Die Lüchow-Dannenberger Band wagte vor mehr als 20 Jahren ihre ersten Konzertversuche in den Schulen und Badeanstalten ihrer Heimat, am nächsten Wochenende spielt sie beim Hurricane Festival in Scheeßel vor etwa 50000 Menschen. Madsen ist längst eine Institution im deutschen Alternative Rock. Nach 13 Bandjahren erscheint heute das siebte Studioalbum der Band. Es heißt "Lichtjahre". EJZ-Volontär Jörn Zahlmann hat drei der vier Bandmitglieder in ihrem Prießecker Proberaum besucht. Dort, wo die Arbeit an neuen Alben der Band immer beginnt. Ein Gespräch über erste Küsse im Südkreis, den Kampf gegen die Angst und darüber, wie wichtig das Zuhause ist.

 

EJZ: Was hat Helene Fischer mit der Produktion eures neuen Albums zu tun?

Niko Maurer: Also, wir wollten die ersten Stücke eigentlich im Hamburger Gaga Studio einspielen, da haben wir schon zwei Alben aufgenommen. Der Studiobesitzer Hans-Jürgen ist wie eine gute Fee dort und mittlerweile ein enger Freund der Band. Helene Fischer wollte die zwei Monate direkt nach uns ins Studio. Frau Fischer hat dann aber kurzfristig angefragt, ob sie auch zwei Wochen vorher schon ins Studio darf und angedeutet, dass sie gar nicht kommt, wenn das nicht klappt. Dann wäre fast ein Jahreseinkommen fürs Studio weg gewesen. Hans-Jürgen hat uns freundlich gefragt, wir konnten das sofort verstehen und sind in ein anderes Studio gegangen.

 

Habt ihr auch etwas hier im Prießecker Proberaum aufgenommen?

Niko: Wir nehmen grundsätzlich erstmal die Demos der Songs in Prießeck auf.

Sebastian Madsen: Die Momente, die wir hier aufnehmen, sind gerade beim Gesang oft so frisch, dass sie sich später nicht mehr genauso reproduzieren lassen. Wenn wir hier um 1 Uhr nachts den richtigen Zeitpunkt erwischen, kriegen wir das im Studio nicht mehr genauso hin. Dann verwenden wir die Demoaufnahmen direkt für das Album. Das Gefühl, das wir kriegen, wenn wir proben, ist das gleiche, wie damals, als wir 13 oder 14 Jahre alt waren. Das ist etwas, das nicht verschwindet. Wir haben immer noch genauso Bock, zusammen Krach zu machen und rumzuspringen.

 

Die erste "Lichtjahre"-Single heißt "Mein erstes Lied". Es geht um deine erste große Liebe, Sebastian. Um den ersten Kuss auf einer Hofeinfahrt. Wo war diese Einfahrt eigentlich genau?

Sebastian: Die Hofeinfahrt war in Bergen (grinst).

Johannes Madsen: Ich glaube, ich habe tatsächlich auch in Bergen das erste Mal geknutscht.

Sebastian: Ja guck an, in Bergen geht so einiges.

 

Hast du der Frau, über die du singst, den Song vorher gezeigt?

Sebastian: Das letzte Mal habe ich sie im Herbst gesehen, und da war das Stück noch nicht fertig. Wir laufen uns sehr selten über den Weg.

 

Schreibst du viele Songtexte im Wendland?

Sebastian: Der kreative Prozess findet überall statt. Ich gehe durch die Welt und sammle. Auch wenn ich nicht so oft im Ausland bin oder in den Urlaub fahre. Aber wenn ich mal rauskomme, ist das immer gut für die Kreativität. Allerdings brauche ich dann die Zeit, um das alles zu ordnen. Und das kann ich am besten im Wendland. Wenn ich spazieren gehe oder jogge. Wenn ich nicht großartig abgelenkt werde. Das ist das Schöne im Wendland, dass man hier so ein bisschen wie in einer Zeitkapsel lebt. Gewisse Dinge bleiben immer so wie sie waren, und das ist auch ein schöner Gegensatz zur Stadt für mich.

 

Wer die Band vor mehr als zehn Jahren im Platenlaaser Café Grenzbereiche oder im Dannenberger Schützenhaus gesehen hat und sie heute auf Konzerten wie in der Hamburger Markthalle erlebt, der weiß: Auch bei Madsen bleiben gewisse Dinge immer so, wie sie waren. Diese mächtige Energie auf ihren Konzerten zum Beispiel. Oder diese raue Natürlichkeit im Klang. So war es mit "Vielleicht" und "Die Perfektion" auf der ersten Platte, und so ist es mit "Keiner" oder "Sommerferien" auf der siebten. Den stärksten Songtext des neuen Albums liefert Sebastian Madsen in dem Opener "Wenn es einfach passiert". Ein Lied über Angststörungen und Panikattacken, mit denen der Sänger vor drei Jahren nach dem letzten Madsen-Album "Kompass" zu kämpfen hatte.

 

Ist es dir schwer gefallen, "Wenn es einfach passiert" zu schreiben?

Sebastian: Ich musste einfach irgendetwas tun, um wieder ohne Angst auf die Bühne gehen zu können. Da ist dann der Songtext entstanden, und den konnte ich auch nur schreiben, weil ich mit vielen Leuten über Angststörungen - auch Lampenfieber und Panikattacken - gesprochen habe. Jetzt geht es mir wieder gut.

 

Wie äußert sich so eine Angststörung?

Sebastian: Das erste Mal war das auf einer Promo-Reise. Wir waren mit einer Radiomoderatorin unterwegs, ich saß hinten im Auto. Auf einmal habe ich brutale Todesangst bekommen, ich hatte überhaupt keine Ahnung, wo dieses Gefühl herkommt. Ich wollte einfach weglaufen, wie auf der Flucht. Mittlerweile weiß ich, dass das eine Schutzreaktion des Körpers ist, der Adrenalin ausschüttet. Dann haben wir erstmal ein paar Monate Pause gemacht. Ich habe mich sehr intensiv damit auseinander gesetzt und nach Lösungen gesucht. Ich habe viele gute Ratschläge bekommen. Zum Beispiel, dass ich der Angst ins Auge sehen muss. Dass ich auf die Bühne gehen muss. Man darf die Angst nicht gewinnen lassen.

 

Gab es für dich damals konkrete Auslöser für diese Panikattacken und Angstzustände?

Sebastian: Einen konkreten Auslöser gab es nicht. Das war ein Zusammenspiel aus verschiedenen Faktoren. Erstmal der Klassiker: zu wenig Schlaf, zu viel Stress. Dann eine riesige eigene Erwartungshaltung an die Band, also starker Druck eben. Ich wollte, dass wir irgendwann mal ganz oben mitmischen. Ich dachte, dass wir jetzt in noch größeren Hallen spielen müssen oder noch relevanter sein können oder was auch immer. Da hat mich so ein ganz komischer Ehrgeiz gepackt, obwohl wir ja nie eine Radioband waren und es auch nie sein wollten. Im Nachhinein waren das absolut keine gesunden Gedanken. Irgendwann habe ich dann wieder sehen können, dass wir als Band voll am Start sind.

 

Am Start nicht nur als Band, sondern zum Beispiel auch als Produzenten. Johannes und Sebastian Madsen haben unter anderem für Ferris MC von Deichkind ein Rockalbum produziert - auch in Prießeck. Sowieso verbringt die Band viel Zeit in ihrer Heimat. Niko Maurer und Johannes Madsen leben im Wendland, Sebastian Madsen ist sowohl in Berlin als auch in Prießeck zuhause. Seit ein paar Monaten ist er auch im Radio zu hören, auf MDR Sputnik moderiert der Sänger regelmäßig die Sendung RockIt. Dort ist er in erster Linie nicht Musiker, sondern Fan.

 

Verändert sich das Fan-Sein von Musik eigentlich, wenn man selbst ständig vor Tausenden Menschen auf der Bühne steht?

Sebastian: Nein absolut nicht. Wir sind immer extrem aufgeregt, wenn wir tatsächlich unseren Idolen wie Dave Grohl gegenüberstehen. Es ist sowieso verrückt, vor 50000 Leuten zu spielen, weil es in dem Moment total real ist und auch fantastische Sachen mit dir macht.

Das ist ein schöner Ausflug in eine glamouröse Welt, in der du aber auf keinen Fall bleiben kannst. Und auch dafür ist das Wendland gut. Wenn du hier aus dem Bus steigst, merkst du: Das hier ist das Leben, das ist die Realität.

Johannes: Es sind eben auch die Menschen hier. Wir kennen hier viele Leute und viele wissen auch, wer wir sind. Aber dass man vielleicht gestern vor Tausenden Leuten gespielt hat, ist denen dann auch egal (lacht). Das schätzen wir sehr, diese ehrliche ländliche Mentalität eben.

Für die Produktion des neuen Albums habt ihr euch deutlich mehr Zeit als sonst gelassen, oder?

Johannes: Wir haben uns mit Absicht so viel Zeit gelassen. Wenn man vier, fünf Wochen im Studio ist, verliert man manchmal den Bezug zum Stück. Direkt nach dem Aufnehmen findet man die neuen Songs eh immer super. Das passiert halt, wenn man mit Scheuklappen durcharbeitet. Wir haben dann in der ersten Session erstmal einige Stücke eingespielt, und das Material dann sieben oder acht Wochen liegengelassen.

Sebastian: Genau, das haben wir dann ganz bewusst nicht gehört, um irgendwann wieder mit frischen Ohren an die Arbeit zu gehen.

 

Die meisten eurer Alben habt ihr analog und nicht digital aufgenommen, wie jetzt auch "Lichtjahre". Warum?

Johannes: Es geht um die Komprimierung, um den Sound. Wir finden, dass es auf Band einfach geiler klingt. Das ist Sebastian und Sascha auch aufgefallen, als sie mal unsere Alben durchgehört haben. Da bemerkt man vor allem unterbewusst die Unterschiede zwischen den Alben, die wir digital aufgenommen haben.

Sebastian: Es ist ein bisschen wie der Unterschied zwischen Digitalfilm und klassischem Film. Das Material hat eine andere Tiefe und eine andere Sättigung.

Niko: Der Aufnahmeprozess ist auf Band auch einfach ein ganz anderer. Wenn sich einer verspielt, müssen alle aufhören. Bis wir dann wieder starten können, dauert es 10 bis 15 Minuten. Man konzentriert sich viel mehr und fokussiert sich auf eine ganz andere Art und Weise. Wenn man digital auf einzelnen Spuren aufnimmt, ist man nach zwei Sekunden wieder soweit, dass man es nochmal probieren kann. Auf Band musst dich entscheiden und kannst im Nachhinein nicht noch einzelne Sachen ausbessern. Da macht man dann am Ende auch kleine Kompromisse, die das Lied lebendiger machen.

Johannes: Kleine Tempo-Schwankungen zum Beispiel. Oder ein Gitarrenton, der einem vielleicht in dem Moment stört und dann aber im Gesamtpaket einfach passt.

 

Kannst du dich noch mit den frühen Madsen-Songtexten identifizieren, Sebastian? Oder gibt es da auch Zeilen, die sich für dich heute befremdlich anfühlen?

Sebastian: Ne, das passt alles noch. Das sind ja meistens sehr persönliche Songs, vertonte Gefühle. Die hatte ich irgendwann mal, deswegen gehören sie immer noch zu mir. So ein Stück wie "Vielleicht": Da war ich 16 als ich es geschrieben habe und ich kann mich heute als 36-Jähriger noch darin wiederfinden.

 

Ihr bringt in der Deluxe-Version eures Album bereits euer zweites Kochbuch heraus. Seid ihr Experten vor dem Herd?

Johannes: Wir kochen alle leidenschaftlich gern und essen oft gemeinsam. Deswegen kommt jetzt schon das zweite Kochbuch. Diesmal sogar als Hardcover, das ist noch viel besser als das erste.

 

Wie erhaltet ihr euch seit mehr als zehn Jahren diese große Live-Energie, wenn ihr auf der Bühne steht?

Sebastian: Ich glaube, dass funktioniert vor allem wegen der Pausen. Am Anfang der Karriere haben wir sehr schnell hintereinander Alben herausgebracht. Dann wurden die Abstände immer größer. Dazwischen machen wir andere Sachen. Nur so weiß man zu schätzen, was man eigentlich so an der Band hat. Dann wird es nicht selbstverständlich, irgendwann wird man wieder so richtig hungrig.

Johannes: Genau, man darf sich nicht tot spielen, damit es für einen selbst immer etwas Besonderes bleibt.

 

Mit "Bumm! Bumm! Bumm!" habt ihr das erste Mal einen explizit politischen Song veröffentlicht. Was hat euch dazu gebracht?

Sebastian: Das hat etwas mit Donald Trump zu tun. Der Song war für mich ein Glücksfall, weil ich festgestellt habe, dass mir politische Stücke eigentlich nicht gut stehen. Es ist nicht so, dass ich es nicht versuche, aber es klingt dann immer schnell nach Klischee oder nach erhobenem Zeigefinger. Mir liegen die persönlichen Geschichten und das habe ich für mich akzeptiert. Das ändert aber nichts daran, dass wir uns politisch engagieren können. Und das tun wir auch.

 

Wo soll es noch hingehen mit Madsen. Was habt ihr noch vor?

Sebastian: Wir fühlen uns sehr wohl mit der Position, die wir jetzt haben. Es kommen kontinuierlich mehr Leute zu den Konzerten. Und worüber ich extrem froh bin: Es gibt nicht den einen Song, auf den wir reduziert werden. Wenn du drei Madsen-Fans nach ihren Lieblingsstücken fragst, bekommst du meistens drei verschiedene Antworten.

Johannes: Wir sträuben uns nicht gegen noch mehr Erfolg, aber wir sehen auch ganz klar die Gefahren, die damit einhergehen. Zum Beispiel die Sportfreunde Stiller, die daran zu knacken hatten, dass es plötzlich nur noch um ihren WM-Song ging. Wir haben zum Beispiel auch kein Bock auf Boulevard. Es kam einmal einer von der Bravo und wir haben uns angeguckt und dann schnell festgestellt, dass wir miteinander nix anfangen können.

 

Wann gibt's mal wieder was neues von Zorro?

Johannes: Zorro ist ein Alter-Ego, der ganz unvermittelt hin und wieder auftaucht. Auf einmal steht er dann links neben der Bühne und schachert so mit den Füßen. Meistens lassen wir ihn aber nicht rauf. Manchmal stiehlt er sich dann an den Securities vorbei und dann geben wir ihm auch einen Beat.

 

Habt ihr denn mal wieder vor, in Lüchow-Dannenberg zu spielen?

Sebastian: Ich weiß auch nicht so genau, woran es liegt, dass wir so lange nicht mehr im Wendland gespielt haben. Vielleicht liegt es daran, dass das Wendland für uns ein Rückzugsort ist, wo wir ganz normal behandelt werden. Deswegen sind wir immer vorsichtig mit Konzerten hier, weil wir uns das erhalten wollen. Aber natürlich haben wir Bock, hier mal wieder zu spielen. Am liebsten was Kleines, über Freunde oder so. Oder in der Clenzer Badeanstalt, auf Konzerten dort hat schließlich alles angefangen.

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